Wie Hitler Komplicen gewann

Von Dietrich Strothmann

Joseph Wulf: Die Bildenden Künste im Dritten Reich, Musik im Dritten Reich, Literatur und Dichtung im Dritten Reich, Presse und Funk im Dritten Reich; Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh; je Band 39,80 DM.

Anzuzeigen und zu loben ist – mitsamt Herausgeber wie Verlag – eine fünf Bände umfassende Dokumentation, die auf zusammen annähernd 2250 Seiten eine Unzahl von Zeugnissen, angereichert zudem mit Bildern und Faksimiles, ein staunenswertes Panoptikum darbietet: das kulturpolitische Ackergelände, auf dem unter der Oberaufsicht des amtlich bestellten Kunstkärrners Josef Goebbels zwölf Jahre lang allerlei Kraut gesät und Unkraut geerntet wurde.

Gemeinhin wird es als ein milder, wenn auch freundlich gemeinter Tadel verstanden, wenn es in der Besprechung eines solchen Werkes heißt: Der Fleiß des Autors allein sei schon zu loben. Dieser Hinweis gilt freilich auch Joseph Wulf, wenngleich gewiß nicht im Sinne einer verbrämten, schonenden Kritik.

Sie wäre, zumindest in der Beurteilung der Konzeption dieser voluminösen Serie, völlig unangebracht. Mehr als es in diesem Fall geschah, vermag ein einzelner Sammler nicht zu leisten: Aus dem Wust des Materials die bezeichnenden, den Ton angebenden Stücke hervorzuziehen, sie in einem verständlichen Zusammenhang zu ordnen (und damit lesbar zu machen) und sich nicht zu scheuen – worauf es vor allen Dingen ankommt – Namen zu nennen, die hier und da noch heute einen guten, einen "unschuldigen" Klang haben. Zumal Mut gehört dazu, Zeugnisse aus einer Zeit zu publizieren, in der es mehr Gläubige, Bewunderer, Jubelnde gab, als man vermuten mochte. Solcher Ahnungslosigkeit, der getarnten wie der ehrlichen, hat Wulf auf eine bemerkenswerte Weise den Boden entzogen: ohne anzuklagen, ohne zu diffamieren, ohne als selbstgerechter "Entnazifizierer" aufzutreten und auf diesen oder jenen mit dem Finger zu weisen: Der da, hat auch keine so reine weiße Weste.

Verwundern sollte es indessen niemanden, am wenigsten den Verfasser selber, daß nun jene auf den Plan treten, die ein schlechtes Gewissen plagt oder die sich noch heute mit ihren Verdiensten "um die gute Sache" brüsten: all die Mitläufer, die Claqueure, die Denunzianten, die ihn, dem Juden, pure Rachelust nachsagen. Ihre Proteste gegen die Publizierung ihres Namens, gegen die Aufdeckung ihrer Teilhabe an der "großdeutschen Kultur" klingen so hohl wie so manche Beteuerung, dem und jenem Verfolgten damals geholfen zu haben, zu dieser oder jener Handlung gezwungen gewesen zu sein. Hätten sie geschwiegen, wäre es besser gewesen. Zu Recht distanziert sich Wulf in einem einleitenden Nachwort zu seinem letzten Band (Presse und Funk): "Der Leser sollte eines nicht vergessen. Es gab Parteigenossen, die keine Nazis waren, andererseits gab es Nazis, die nicht in der Partei waren. Falls jemand Freunde namens Cohn oder Levi besaß, so ist dies kein Grund, seinen Namen in diesen Büchern zu verschweigen."

Wohlverstanden, dem Herausgeber dieser Dokumentation geht es nicht darum, jemanden an den Schandpfahl der Öffentlichkeit zu stellen. Zustände sollen authentisch an Hand zeitgenössischer Urkunden – Anweisungen, Schriften, Erklärungen – aufgezeigt werden: was der Staat erwartete, forderte, und was seine Untergebenen ihm bereitwillig an Ergebenheit, an folgsamer "Treue" zollten. Ohne Einschränkung die meisten, widerwillig gehorchend vielleicht einige.

Wie Hitler Komplicen gewann

Was immer aber geschah, um den Geist zum "Dienst am Volke" zu erniedrigen, ihn zur billigen Magd der Propaganda herabzuwürdigen – es waren gerade jene, die sich der Kunst und ihrer Freiheit verschworen hatten und die sie dann verrieten und in Verruf brachten. Es erschreckt nicht so sehr, daß es auch "kleine Geister", primitive Parteigänger waren, die 1933 ihre Zeit gekommen sahen, die sich den neuen Herren anbiederten, andere verleumdeten, um sich selber ins rechte Licht zu setzen. Davon gibt es in diesen Bänden an Beispielen die Hülle und Fülle. Solche Naturen sind die üblichen Produkte von Diktaturen, Kleinkrämer in der Überzahl, die sich wie Kletten an die Herrschenden anhängen: Lobbyisten ohne Verstand und Geschmack.

Bestürzend ist es vielmehr, Augenzeuge von Handlungen solcher Männer zu werden, deren Rang und Namen es ihnen eigentlich verboten hätten, im Strom mitzuschwimmen, sich dienstbar zu machen – angelockt von Auszeichnungen, getrieben vom Ehrgeiz oder verblendet von der Überzeugung, Kunst bleibe trotz allem Kunst, auch dort, wo Synagogen brennen und der Mord legitimiert ist.

Gerade solche Fälle eines unrühmlichen Wohlverhaltens in den Jahren des Hitler-Reiches hat Joseph Wulf aufgedeckt und belegt. Da war Werner Krauß, ein großartiger Schauspieler. 1939, in die Stammrolle der Reichsfilmkammer, schrieb er unter die "Abstammungs"-Rubrik: "Deutschblütig." In dem Film "Jud Süß", einem Hauptstück der Antisemitismus-Agitation, übernahm er neben Ferdinand Marian alle Judenrollen. "Wenn diese Judenrollen von verschiedenen Schauspielern gespielt werden, gibt’s einen Wettstreit, ob nicht einer noch jüdischer wirkt als der andere." So redete sich Krauß später heraus. Und der Regisseur Veit Harlan entschuldigte sich gar mit der Floskel: "Ich war nur ein Werkzeug.

Dies ist lediglich ein Beispiel von vielen. Aus den Materialien, die Wulf aus zahlreichen in- und ausländischen Archiven, aus Zeitungen Briefwechseln und Büchern säuberlich zusammentrug und korrekt zitiert, ließen sich mühelo: andere anführen, von gleicher Bedeutung un Autorität.

Solche schonungslose Offenheit und Klarheil ist ein Vorzug dieser Reihe. Sie hat aber auch ihre Nachteile: manches Detail ist überflüssig manches Dokument unerheblich. Eine strengere Selektion wäre angebracht gewesen. Sie hätte den Inhalt lesbarer, den Gang der Handlungen von der Gleichschaltung bis zum Zusammenbruch überschaubarer gemacht. Der Versuch, mit Dokumenten die Kulturgeschichte einer Epoche darzustellen, gelang. Zugleich jedoch daraus ein Lesebuch zu schaffen, konnte nicht voll glücken. Das aber ist ein Mangel, der nicht ins Gewicht fällt. Nimmt man diese fünf Bände als Nachschlagewerke, so haben sie ihren unschätzbaren Wert – für die Historiker wie auch für jeden, der sich darüber Klarheit verschaffen möchte, was sich zutrug und wie es geschehen konnte, daß in Deutschland der Geist verraten und verkauft wurde.