Auf der Suche nach der Gräfin Mariza – Csardas, Paprika und wilde Pferde

Noch 1956 hatte ich nicht daran geglaubt, als ich zum erstenmal in Ungarn war. Die Pußta sollte es noch geben, Tausende von Hektar Ödland hätten dem eisernen Pflug des Sozialismus getrotzt?

Was man mir da beschrieb, das konnte höchstens so eine Art Spielwiese sein, mit eingezäunten Fohlen für dollarschwere Touristen kindlichen Gemüts. Doch nun weiß ich mehr als zuvor: Ein operettenseliges Ungarn mag suchen wer will, das Hungaria eines Kálmán Imre läßt sich finden – ohne Gräfin Mariza, versteht sich. Das macht ja den Reiz der Fahrten in den Osten aus, daß sich unter den Fahnen des Fortschritts eine Vergangenheit hält, die man bei uns schon längst verlorengehen ließ.

Rund 200 Eisenbahnkilometer von Budapest ostwärts entfernt, unweit von Debrecen breitet sich ein Stück ungarischer Heide aus. Das ist keineswegs die einzige Pußta, die es zu besichtigen gibt. In einem anderen Teil der Tiefebene bei Kecskemet, der Stadt des Barock, des Wodkas der Magyaren, gibt es die Bugacer Pußta. Aber die von Debrecen, genannt Hortobágy (nach einem Fluß), ist die größte und die schönste. In Mittel- und Westeuropa dürfte sich nirgendwo sonst eine so ausgedehnte und flache Steppe finden. Die Hortobágy ist rund 120 000 Hektar groß, das entspricht etwa dem Gebiet von Groß-London.

Noch am Anfang des vergangenen Jahrhunderts bedeckten Wälder und Moore einen Teil der Gegend. Doch durch die Regulierung der Theiß und das regenarme Klima, begann der Boden auszutrocknen. Im Sommer "blüht" an der Oberfläche die weißliche Sodaerde und könnte geradezu zusammengefegt werden. Die Weiden dörren vollkommen aus, und das Vieh "leckt die Erde". Heiße Windstöße können zu heftigen Stürmen werden und den Staub trichterartig in die Höhe jagen. Das Pußta-Volk nennt einen solchen kleinen Samum schlicht "Drachenschwanz". Im Winter dagegen, wenn kein Baum, kein Strauch den Schneestürmen im Wege steht, verwandelt sich die Hortobágy in eine Polarlandschaft.

Wer kann sich schon vorstellen, daß es hier im Mittelalter blühende Dörfer und Ansiedlungen gab? 52 Dörfer nennen die Chroniken namentlich. Der Mongolensturm und die Verheerungen der Türkenzeit schufen im wahrsten Sinne des Wortes eine "tabula rasa". In unseren Tagen jedoch schreiben die ungarischen Reiseführer ungerührt, ja stolz, von der Todesstunde der Hortobágy: "Wer die Stimmung dieser aus alten Zeiten zurückgebliebenen Halbnomadenwelt noch erleben will, der beeile sich und komme bald. Denn in nicht allzu langer Zeit wird die ursprüngliche Hortobágy nur noch eine Erinnerung, ein historischer Begriff sein."

Was soll geschehen? Die Pußta wird zu einem Laboratorium, sagen die Agrotechniker. Schon 40 Prozent des Gebiets bedecken, Wiesen und Weiden. Auf 16 000 Hektar früher unbrauchbaren Landes baut man Reis an, und sogar aufforsten wird man. Doch die wichtigste Bestimmung von Hortobágy wird auch künftig die Viehzucht sein. Und wann ihre letzte Stunde wirklich geschlagen hat, das weiß niemand. Heute jedenfalls gibt’s noch die komplette Ausstattung einer Pußtaromanze samt Personen in natura.