Von Ingrid Neumann

Wir kommen ins Wahljahr, und das ist ein Vorteil für uns", so orakelte schon vor ein paar Monaten ein Mann des Ruhrbergbaus in einem privaten Gespräch. Die Erfahrung stand durchaus auf seiner Seite, aber wie recht er damals hatte, das weiß man erst seit der vergangenen Woche.

Die Kohle hat in Bonn eine Schlacht gewonnen. Und es stört den Ruhrbergbau durchaus nicht, daß der Sieg offensichtlich nur unter dem Druck der bevorstehenden Bundestagswahlen errungen wurde. Begreiflich das große Aufatmen an der Ruhr, unüberhörbar aber auch die Überraschung bei vielen Zechendirektoren, die selbst kaum noch daran geglaubt hatten, eine so "kohlebewußte" Bundesregierung in Aktion treten zu sehen.

Welchen Erfolg auch immer die in Bonn jetzt angekündigten Einzelmaßnahmen haben werden (einige dicke Fragezeichen sind dabei ganz sicher angebracht) – das wichtigste Faustpfand des Bergbaus ist das eindeutige Votum des Bundeskanzlers für die Aufrechterhaltung der gegenwärtigen deutschen Steinkohlenförderung von rund 140 Millionen Tonnen. Das Wort "Absatzgarantie" ist zwar nicht ausdrücklich gefallen, aber es kommt schließlich auf nichts anderes hinaus, wenn Professor Erhard erklären läßt, das Ziel seiner Energiepolitik sei eben die Beibehaltung einer Steinkohlenkapazität von 140 Millionen Tonnen.

Mehr konnte man im Essener Glückauf-Haus wahrlich nicht erwarten. Es ist genau das, was der Unternehmensverband Ruhrbergbau seit Jahren fordert. Zwar hieß es gelegentlich schon in Zechenkreisen, die Politik der 140 Millionen Tonnen sei reine Taktik; in Wahrheit wisse man auch im Bergbau, daß die gegenwärtige deutsche Steinkohlenförderung auf die Dauer nicht zu halten sei. Die Produktionspolitik einiger bedeutender Zechengesellschaften ist ja auch durchaus an dieser Erkenntnis ausgerichtet. Aber es steht zu befürchten, daß solche freimütigen Bekenntnisse vermutlich jetzt wieder verstummen werden, nachdem der Bundeskanzler den Wechsel auf die ungetrübte Zukunft der Kohle akzeptiert hat.

Der Bergbau seinerseits hat als Morgengabe in diese neue Entente cordiale zwischen Bonn und Essen immerhin ein bemerkenswertes Geschenk eingebracht: ein umfangreiches Rationalisierungsprogramm. Bis zum 31. Oktober mußten die bestehenden Stillegungsabsichten der Zechengesellschaften beim Rationalisierungsverband Steinkohlenbergbau angemeldet sein. Allein das war auch der Grund dafür, daß sich die Kohlenkrise so bedrohlich verschärft hatte. Die Zuspitzung war zu einem guten Teil Regie. Nun, sie blieb zwar nicht verborgen, aber sie hatte Erfolg.

Als "Beerdigungsinstitut zweiter Klasse" für die deutsche Kohle hatte der um eine blumige Formulierung nie verlegene Bergarbeiterführer Heinrich Gutermuth den Rationalisierungsverband seinerzeit abzustempeln versucht, noch ehe er überhaupt in Aktion getreten war. Aber genau das ist er nicht geworden, obwohl tatsächlich eine – vielleicht sogar überraschend – große Anzahl von Zechen nach dem Gesetz über den Rationalisierungsverband sterben wird.