Von Rolf Zundel

Was für Schwergewichtsboxer gilt, die imKampf um die Weltmeisterschaft verloren haben, trifft auch für amerikanische Präsidentschaftskandidaten zu, die in der politischen Arena unterlegen sind: They never come back – sie kommen nicht mehr zurück. Von dieser Regel gibt es kaum Ausnahmen. Und wer so deutlich verloren hat wie Barry Goldwater, darf kaum darauf hoffen, zu den Ausnahmen zu zählen.

Schon hat Richard Nixon, der mit dem seismographischen Gespür des Opportunisten die Veränderungen registriert, sein Urteil gesprochen: "Es wird einige Monate dauern, bis sich der Staub legt; aber dann werden, sie Barry fallen lassen wie eine heiße Kartoffel." Und Senator Thruston Morton, dem gewiß keiner nachsagen kann, er sei ein eingefleischter Liberaler, meditierte über das Schicksal des geschlagenen Senators: "Barry liebt es, seine eigenen Wege zu gehen. Er ist kein Mann, der mit der Macht umgehen kann. Er wird wohl in Arizona bleiben und an seinem Funkgerät basteln und fischen gehen." Auch Goldwater selber weiß, daß nichts für den Ruf eines Politikers abträglicher ist, als ein "Verlierer" zu sein. "So wie es jetzt aussieht", meinte er, "wird das nächstemal wohl ein anderer dran sein."

Goldwaters faszinierende Kraft ist stark verblichen. Die Ideen jedoch, zu deren Sprachrohr er sich machte, sir.d noch nicht tot, und auch die Mannschaft, die ihn als Speerspitze benutzt hat, ist weit davon entfernt, kampflos die einmal eroberten Kommandohöhen der Republikanischen Partei aufzugeben. Sicher ist auch, daß der Senator die politische Topographie des Landes grundlegend verändert hat – sehr zum Nachteil seiner eigenen Partei. Daß die Republikaner diesmal prozentual noch schlechter abgeschnitten haben als bei dem Erdrutsch-Sieg Roosevelts im Jahr 1936, daß sie im Senat und vor allem im Abgeordnetenhaus zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen sind, ist schon schlimm genug. Schlimmer ist, wie die Republikaner verloren haben, und am schlimmster, sind ihre Siege.

Sechs Staaten nur hat Goldwater gewonnen: Arizona, seinen Heimatstaat, der auch schon bei der Kcnnedy-Nixon-Wahl republikanisch gestimmt hatte, und dazu fünf Südstaaten: Louisiana, Mississippi, Alabama, Georgia und Süd-Carolina. Im tiefsten Süden also, wo das Rassenvorurteil noch in seiner krassesten Form herrscht, setzte sich Goldwater durch. Alle Staaten, die er eroberte, waren bisher demokratische Hochburgen, für die Republikaner galten sie fast ein Jahrhundert lang als feindliches Ausland.

In den übrigen Staaten der alten Konföderation aber, in den Gebieten, wo das Rassenvorurteil milder und die Industrialisierung weiter fortgeschritten war, wo die Republikaner in den letzten Jahren Fuß gefaßt hatten, triumphierte Präsident Johnson. Zu Goldwater schlugen sich die ferventen Gegner der Rassenintegration, Johnson erhielt Stimmen der Neger und der liberaleren Weißen.

Außerhalb des Südens und seines Heimatstaates Arizona hat Goldwater nirgendwo Erfolg gehabt. Die Staaten im Nordosten fielen an die Demokraten: New Hampshire zum ersten Male seit 1944, Maine zum ersten Male seit 1912 und Vermont zum ersten Male überhaupt (und dazu auch noch mit einer Mehrheit von 67 Prozent). Städte in Neuengland, die seit Menschengedenken fast geschlossen republikanisch gewählt hatten, gaben diesmal den Demokraten ihre Stimme.