Von Hans Homberg

Sangrilla ist ein erfrischendes Getränk, unserer "kalten Ente" ähnlich. Die Spanier mischen roten Wein mit Schaumwein oder Mineralwasser, werfen einige mit der Gabel angepiekte Zitrusfrüchte hinein und lassen zuweilen auch die Orangenschalen über den Krugrand baumeln. Das Ganze wird eisgekühlt gereicht. Zu deutsch heißt das Getränk "Blütchen" – schrecklich: man kann das wohltönende Wort (sprich "Sangrielja") wirklich nicht übersetzen! Ich hing auf der Terrasse eines Restaurants von Algeciras solchen schwierigen philologischen Fragen nach, während ich auf den nahen Felsen von Gibraltar und auch auf die afrikanischen Bergspitzen jenseits der Wasserstraße blickte.

Dann nahm ich wieder einen Schluck und fragte mich, warum einige spanische Flüsse so komplizierte Namen tragen: Guadalquivir zum Beispiel oder Guadarrama, Guadalajara usw. Wenn man es dann weiß, ist alles ganz einfach. Ich habe notiert, daß die Araber, die im neunten Jahrhundert Spanien besetzten, neben ihren Gartenkünsten, ärztlichen Kenntnissen und Schnapsrezepten (al-kohol!) auch allerlei Sprachwurzeln in Andalusien zurückließen. "Oued" zum Beispiel heißt "Wasser" oder "Fluß"; "kebir" ist "groß". "Qued el kebir" heißt also "Der große Fluß"; er verwandelte sich in Spanien ganz leicht in "Guadalquivir". Erwähne ich noch am Rande, daß unser "Kampfer" von den Mauren stammt, die ihn "alcanfor" nennen, daß die Artischocke eine verballhornte "alcachofa" ist, und "Album" ein "Album", dann darf ich zur Sache kommen.

Die Sache ist: Xauen. Man kann sie auch "Chauen" schreiben. Es gibt sogar Spanier, die nichts gegen "Jauen" einzuwenden haben. Und die Rifkabylen schreiben sie von rechts nach links und lesen dann: "Chawan." Ich möchte beim altertümlichen "X" bleiben und stelle ergebenst anheim, es wie in "Mexiko" zu lesen oder wie in "Specht". Welch ein Land, wo das Philologische derartig unerheblich ist!

Die Sirenen des Fährschiffs "Victoria" lockten mich zum Kai. Ich verlud mein Auto und fuhr in zwei Stunden hinüber auf afrikanischen Boden. Nach Ceuta. Hier war es, wo im klassischen Altertum Herkules die Söhne des Chrysador niederstreckte. Diese kabylischen Vorfahren und Bergsöhne trugen rote Gewänder und grüne Kopfbedeckungen. Herkules sah sie schon von fern und rief: "Nimm den Kopf, dann hast du den Körper!" Dann nahm er eine 150 Meter lange Wurfschnur und schleuderte sie dreimal. Dreimal fing er je einen Heldensohn und bat die Herren zum Zweikampf. Anschließend kapitulierten die Gegner, schenkten ihm ein Löwenfell und eine schöne Keule, Handwerkerarbeiten aus Ceuta.

Hierüber sprach ich mit Herrn Girgis Achmed Hantut, der mir nach drei Minuten der Bekanntschaft seine Visitenkarte überreichte. Er unterrichtete mich, daß es durchaus richtig sei, "Xauen" in deutscher Schrift "Schauen" zu schreiben. Er seinerseits bevorzugte die einheimische Schreibweise "Chechaouen". Die Berber verstehen darunter "zwei Hörner" und wollen andeuten, daß die Gebirgsstadt auf einer Ebene zwischen zwei Massiven liegt, die wie Hörner sich auf sie herabsenken.

Ein paar Kilometer südlich von Ceuta, in Tetuan‚ konnte ich der Verlockung eines Restaurants nicht widerstehen, das sich in deutscher Sprache durch seine "saubere und kinigliche arabische Speisen" empfahl. Und siehe: es war königlich! Ich bekam nämlich Scharbach, eine Tomatensuppe mit getrockneten Aprikosen; Dolma, eine Art Kohlroulade oder auch Krautwickel genannt oder "gehackten Hund im Schlafrock"; Tritli (das klingt nur appenzellerisch, ist aber feinstes tetuanisch!), bestehend aus Nudeln, Eier und Fleisch.