Massiver Kritik mußte sich in der vergangenen Woche Berlins Bürgermeister Willy Brandt erwehren. Die Aufregung über die Ungeschicklichkeiten des Senatspresseamtes, das Absender von Leserbriefen aufspüren ließ, die sich über die Ablehnung von Passierscheinanträgen beschwert hatten, war noch nicht vorüber, da hatte Berlin seine kleine "Spiegel-Affäre". Zwei Staatsanwälte und 48 Kriminalbeamte besetzten Verlag und Redaktion der Wochenzeitungen "Sieben-Uhr-Blatt" und "Wochenecho". Bei dieser Aktion wurde ein Pressephotograph von den Beamten angegriffen und verletzt.

Willy Brandt hatte zuvor gegen die Redakteure der Blätter Strafanträge wegen Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung gestellt. Das "Sieben-Uhr-Blatt" attackierte Brandt seit einiger Zeit wegen seiner Haltung während des Nationalsozialismus. Die Wochenzeitung gilt als rechtsextremistisch, errcheint aber in einem SED-Verlag. Der Staatsanwaltschaft ging es bei ihrer Aktion vor allem darum, Informationen über die Geldgeber der dubiösen Publikationen zu erhalten. Dennoch hält man in Berlin das Vorgehen gegen die Blätter für eine krasse Verletzung der Rechtsstaatlichkeit.