Adalbert Hess: Das Parlament, das Bismarck widerstrebte. (1862–1866); Westdeutscher Verlag, Köln und Opladen; 166 Seiten, brosch., 19,20 DM.

"Crucial periods" nennen die Angelsachsen jene Zeiträume, in denen sich aus dem Zusammenprall bewegender und beharrender Kräfte die bis in die Gegenwart hineinwirkenden politischen Herrschaftsverhältnisse einzelner Länder herausgebildet haben. Für den deutschen Historiker sollten diese Entscheidungsperioden ein besonderes Interesse haben: vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der nationalsozialistischen Ära gilt es, die Wurzeln demokratiefeindlicher Haltung in Deutschland freizulegen – oder anders ausgedrückt: den Ursachen der obrigkeitsstaatlichen Sonderentwicklung nachzugehen, durch die sich die deutsche Geschichte von der Westeuropas unterscheidet.

Adalbert Hess, ein junger Politikwissenschaftler aus der Schule Dolf Sternbergers, widmet sich in der hier angezeigten Studie einem der wichtigsten Kapitel dieses Prozesses: dem preußischen Verfassungskonflikt der Jahre 1862 bis 1866, der letzten großen Kraftprobe zwischen dem aufstrebenden Bürgertum und dem herrschenden Feudaladel. Seine Aufmerksamkeit gilt vor allem der gesellschaftlichen Gliederung des damaligen Abgeordnetenhauses. Er registriert die auf den ersten Blick überraschende Tatsache, daß die liberale Opposition sich vorwiegend auf "staatstragende" Berufsgruppen, nämlich Beamte und Landwirte, stützte, und versucht, diesen Umstand mit dem politischen Verhalten des Konfliktsparlaments in Beziehung zu setzen.

Das von Hess zusammengetragene Material wird sich für künftige Forschungen zur Geschichte des deutschen Parlamentarismus als unentbehrlich erweisen. Es enthält ausführliche biographische Angaben über die wichtigsten Abgeordneten und zahlreiche Statistiken zu Einzelfragen, beispielsweise zur Altersgliederung des Parlaments. Für die Aufbereitung dieses historischen Rohstoffs wird man dem Autor auch dann dankbar sein müsen, wenn man – wie der Rezensent – seinen Urteilen nicht in allem folgen kann. So ist es schwerlich die letzte Ursache für die Niederlage des Bürgertums im Verfassungskonflikt gewesen, daß Bismarck "größere Verantwortungsfreudigkeit" gezeigt habe als die Liberalen. Gerade eine soziologische Abhandlung hätte hier tiefer dringen und die Revolutionsfurcht des deutschen Bürgertums, ihren historischen Hintergrund und ihre aktuellen Anlässe, klar herausarbeiten müssen. Die auch von Hess festgestellte "deutsche Abweichung", der Unterschied des Geschichtsverlaufs in Deutschland und im westlichen Europa, wird jedenfalls kaum zufriedenstellend erklärt, wenn man sich zu guter Letzt nach Art der herkömmlichen Geschichtsschreibung auf die Unwägbarkeiten im Charakter der "großen Individuen" zurückzieht.

Heinrich A. Winkler