p. m., Freiburg

Freiburg ist zu einem kommunalpolitischen Sackbahnhof geworden, in dem jede Partei ihre Karren hin und her rangiert, wie es ihr gerade paßt. Seitdem am 30. Juli nicht jene vier Kandidaten zu Bürgermeistern gewählt wurden, die eigentlich gewählt werden sollten, ist im Freiburger Rathaus der Teufel los.

Das war der Plan der in Südbaden allgewaltigen CDU: Als erster Bürgermeister sollte der CDU-Altbürgermeister Dr. Graf, als zweiter Bürgermeister ein SPD-Mitglied, als dritter Bürgermeister der CDU-Stadtrat Dr. Pohl und als vierter Bürgermeister ein Mann der Freien Wählervereinigung gewählt werden. Nach der geheimen Wahl im Gemeinderat kam dann aber ein ganz anderes Quartett zusammen: Von 36 Wahlberechtigten gaben 19 ihre Stimme Graf, 18 dem SPD-Mann Dr. Heidel und 18 dem CDU-Stadtbaurat Zens. Als vierter Bürgermeister wurde der Stuttgarter Dr. Kiefer gewählt, den zu guter Letzt die Freien Wählergemeinschaften herbeizitiert hatten.

Nun muß also der vor zwei Jahren als Überraschungssieger gewählte SPD-Oberbürgermeister Dr. Keidel in der bis dahin von der CDU bevormundeten Stadt mit vier Bürgermeistern zusammen arbeiten, von denen einer sein persönlicher Gegenkandidat war und zwei nicht das Vertrauen ihrer Fraktionen genießen. Zuerst erklärte die SPD, sie wolle nicht mit Bürgermeister Heidel regieren. Dann taten die sechs Freien Wähler im Stadtrat kund, daß sie ernste Sorge um die künftige Zusammenarbeit mit dem eigentlich ihnen zustehenden Bürgermeister Kiefer hätten, weil dieser noch kein Interesse gezeigt habe, mit ihrer Fraktion "in Kontakt zu treten".

Und auch die CDU-Strategen machten ihrem Ärger Luft. Ausgerechnet ein Staatsanwalt, der stellvertretende Vorsitzende des CDU-Kreisverbandes Freiburg Dr. Heinz Eyrich, gab sich dazu her, den vier CDU-Stadträten Dr. Fleig, Dr. Lehr, Pfeifle und Unmüßig einen inquisitorischen Brief zu schreiben: "Wir haben leider Veranlassung anzunehmen, daß Sie in den drei Wahlakten nicht gemäß den CDU-Beschlüssen gestimmt haben und bitten Sie um Stellungnahme, was Sie bewogen hat, sich gegen die Partei- und Fraktionsbeschlüsse zu wenden."

Die Wahl der Bürgermeister war zwar geheim, und jeder Stadtrat hätte eigentlich so abstimmen sollen, wie es ihm sein Gewissen gebietet. Nicht so in Freiburg. Dies steht in dem Brief Eyrichs: "Gemäß den interfraktionellen Beschlüssen der bürgerlichen Parteien und nach den Aussagen der zwei FDP-Stadträte Menges und Bujard haben beide in den ersten Wahlakten für Dr. Graf und gegen Herrn Dr. Schieler gestimmt." Die FDP-Vasallen waren also treuer als die CDU-Ritter, von denen vier oder fünf nach Eyrichs Meinung den von der SPD vorgeschlagenen und von der CDU abgelehnten Schieler gewählt haben, während die Freien Wähler ebenfalls wie die FDP-Leute abgestimmt haben. Dies wurde durch einen Leserbrief des Freien-Wähler-Fraktionschefs an die "Badische Zeitung" bekannt.

Die CDU-Ortsgruppe Zähringen verurteilte zwar den Meinungsforscher-Brief. Viel Wert hatte es jedoch nicht. Hatte die SPD schon vor der Wahl ihren Stadtrat Herre aus der Partei ausgeschlossen, weil er sich auf eigene Faust und gegen den offiziellen Parteifavoriten um einen Bürgermeisterposten beworben hatte, so opferte die CDU nach der Wahl Dr. Lehr.