In dieser Woche scheidet der Präsident des Arbeitgeberverbandes schweizerischer Maschinen- und Metallindustrieller, Dr. Hans Schindler, aus seinem Amt. Er gehört zu den Schöpfern eines "Friedensabkommens" in der Schweizer Metallindustrie, das in der deutschen Diskussion über Schlichtungsvereinbarungen bei Tarifstreitigkeiten immer wieder herangezogen wird Unser Mitarbeiter sprach mit den Exponenten der beiden Vertragspartner.

Wir betrachten den Streik als überholt, weil nicht Streiks, sondern nur Verhandlungen, die sozialen Probleme lösen können. In gutei Atmosphäre läßt sich besser verhandeln als unter gewaltsamem Zwang." Der das sagt, ist kein weltfremder Theoretiker oder der Interessenvertreter einer Arbeitgeberorganisation. Es ist Nationalrat Ernst Wüthrich, Präsident des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiter-Verbandes, der mit 136 000 Mitgliedern bedeutendsten Industriegewerkschaft der Schweiz, die ein Drittel aller gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer erfaßt.

Zusammen mit Dr. Hans Schindler, dem Präsidenten des Arbeitgeberverbandes schweizerischer Maschinen- und Metallindustrieller, hat er in diesem Sommer seine Unterschrift unter die sechste Verlängerung des sogenannten "Friedensabkommens" in dieser Branche gesetzt, jener zu weltweiter Berühmtheit gelangten Vereinbarung von 1937, die Meinungsverschiedenheiten sozialpolitischer Natur erst einmal Verhandlungen im einzelnen Betrieb vorbehält und Sperre, Streik oder Aussperrung unbedingt ausschließt. "Herr Nationalrat, was ist Ihrer Ansicht nach der zentrale Punkt in diesem Friedensabkommen?" Die Antwort kommt rasch und geht gleich in eine Definition über, die der Gewerkschaftsführer sicher nicht zum ersten Male ausspricht: "Der Grundsatz von Treu und Glauben, die Überzeugung auf beiden Seiten, daß es gehen muß, ohne einander in die Haare zu geraten, die Bereitschaft, dem Partner einen gewissen Vertrauensvorschuß zu geben. Meiner persönlichen Meinung nach bedeutet der Treuund-Glauben-Grundsatz in diesem konkreten Fall, daß kein Partner dem anderen etwas vorenthält, was geleistet werden kann, und keiner etwas verlangt, was er billigerweise nicht verlangen darf."

Dr. Schindler, der Vizepräsident der Maschinenfabrik Oerlikon, Zürich, und bei allen Verlängerungsverhandlungen seit 1937 dabei, antwortet ganz ähnlich, wenn er auch einräumt, daß der natürliche Interessengegensatz zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht wegzuleugnen ist: "Das gegenseitige Vertrauen zwischen den engsten Führungsgruppen auf beiden Seiten, der Wille, keine Doktrinen, sondern die Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit in den Mittelpunkt zu stellen. Herr Wüthrich hat da eine schöne Definition..."

"Es ist völlig natürlich, daß die Friedenspflicht irgendwie bezahlt werden muß", sagt Dr. Schindler, der seinen Contrepart schon daheim zu Gast hatte, aber – wie er betont – mit ihm "per Sie" ist. Und weiter: "Es ist doch klar, daß ein Gewerkschaftsführer seinen Leuten etwas offerieren muß. Wenn er nur auf die Gutmütigkeit der Unternehmer vertraut, bekommt er nichts. Die Arbeitgeberseite muß prüfen, was die Gewerkschaft psychologisch nötig hat. Denn deren Führung ist soviel wert, wie sie ihre Truppen zusammenhalten kann."

Psychologisch waren diesmal offenbar fünf Konzessionen nötig. "Die Abmachungen sind besser, als sie auf dem Papier erscheinen", sagt der Gewerkschaftschef.

"Sollte man wegen vier Ferienwochen für die über Fünfundzwanzigjährigen dieses Element der Stabilität kaputtmachen? Die Konzessionen kosten uns zwischen zweieinhalb und drei Lohnprozent – ein nicht sehr hoher Preis für weitere fünf streiklose Jahre", meint der Arbeitgeberpräsident.