Funk

NORDDEUTSCHER RUNDFUNK BAYERISCHER RUNDFUNK

Mittwoch, 4. November, das Hörspiel:

Der Autor von "Zeit der Schuldlosen" und "Das Gesicht", Siegfried Lenz, kommt von Schuld und Verantwortung nicht los. In seinem jüngsten Drei-Personen-Hörspiel "Der Gesandte" (Gemeinschaftsproduktion des Norddeutschen mit dem Bayerischen Rundfunk) legen sich Schuldkrusten aufeinander.

Die Story verrät den intellektuellen Ansatz. Ein Berufsdiplomat im Pensionszeitalter, tüchtig skrupellos, soweit die Fassade nicht angekratzt wird, erhält von dem Minister des totalitär regierten Gastlandes die Freilassung von neun inhaftierten Generalen seines eigenen Staates zugesagt – auf Grund privater "Verbindungen". Ausgerechnet am gleichen Abend bittet ein Neffe jenes Ministers, von Seelenpein um eine begangene Verräterei getrieben und aus Angst vor einer neuen, in der Gesandtschaft um Asyl. Gewissenskonflikt: Entlassung der Gefangenen oder Aufnahme des Staatsfeindes? Während eines Privatissimums über Benimm gegenüber der Geheimpolizei setzt die scharf blutige Frau des Gesandten dem Flüchtling so robust zu, daß der sich seinen Verfolgern stellt.

Die dea ex machina verringert aber dadurch das Schuldkonto nicht. Im Gewissen des Gesandten türmt sich ein neuer Komplex. Aus der alten und jüngsten Vergangenheit des Ehepaares steigen Modergerüche auf, brauen sich um den nervenzerrütteten Gesandten zusammen; er wird seinen Abschied nehmen.

Des Verfassers scharfer Verstand leitet den Hörer; es bleibt am Ende aber dieFrage: wohin?

Es sprachen Rosel Schäfer, Hans Paetsch und Ernst Jacobi. Abgetönte Regie führte Fritz Schröder-Jahn. W. A. K.