Der Streit um die deutsche Außenpolitik geht mit unverminderter Schärfe weiter. Kaum war die Auseinandersetzung um das Adenauer-Interview ausgestanden, in dem der Altbundeskanzler seinen Nachfolger Erhard mangelnde Führungsqualität und Außenminister Schröder mangelndes Verständnis für die Freundschaft mit Frankreich vorgeworfen hatte, da ergriff der Bundestagspräsident die Partei Konrad Adenauers. Die Warnung des CDU/CSU-Fraktionschefs Katze! – "wer künftig als Solist arbeitet, muß wissen, daß er ohne Netz turnt" – nicht achtend, erklärte Eugen Gerstenmaier der Bildzeitung, daß er notfalls auch einer Zweier-Union mit Frankreich zustimmen würde. Auf keinen Fall dürfe Bonn die Beziehungen zu Paris gefährden. Außenminister Schröder billigte er immerhin zu, daß man ihm noch einmal eine Chance geben müsse, "unter der veränderten Situation mit neuen Vorschlägen zu kommen".

Der Bundestagspräsident, der kürzlich in Paris mit seiner Ellipsen-Theorie über die NATO beim französischen Staatschef auf wohlwollendes Interesse gestoßen war, fand diesmal in der Bundesrepublik ein geteiltes Echo. Zwar wurde er in der Bildzeitung als aufrechter Patriot gefeiert, aber sogar die Mehrheit der Bonner CDU war entsetzt, Außenminister Schröder antwortete – ebenfalls in einem Interview, diesmal in der Mainzer Allgemeinen Zeitung – seinen Kritikern in schneidender Schärfe: "Ich bis kein Straßensänger; aber manche Leute die augenblicklich mit Interviews, Erklärungen und Mitteilungen, besonders auch zu außenpolitischen Problemen, an die Öffentlichkeit treten, wirken auf mich, als ob sie Wechsel auf eine Zukunft ausstellten, über deren Einlösung sie sich wenig Gedanken machen."

Konrad Adenauer, der, von der Bildzeitung als "Retter" apostrophiert, nach Paris gefahren war, bekam von Schröder zu hören: "Warum will er (Adenauer) an die Stelle des Ganzen, das im Interesse unserer Sicherheit eine gute Partnerschaft mit Washington, eine Abstimmung mit London und Freundschaft mit Frankreich erforderlich macht, nur das Detail setzen? Warum zu große Nachgiebigkeit gegenüber einem Partner?"

Konrad Adenauer freilich, der in Paris als neues Mitglied der Akademie für Moralische und Politische Wissenschaften gefeiert und von de Gaulle mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt wurde, gab sich in der französischen Hauptstadt so, als ob er der eigentliche Außenminister der Bundesrepublik wäre. Er wird angenommen, daß er sich bei de Gaulle für ein Moratorium in den Fragen der MLF und des Getreidepreises eingesetzt hat. Nach seinem zweiten Gespräch mit de Gaulle erklärte er optimistisch: "Ich bin sehr zufrieden. Es war gut, daß ich hierher gekommen bin. Sie werden das Ergebnis in einigen Monaten sehen."

Die Auseinandersetzung in Bonn wird nicht so lange auf sich warten lassen, weder in der CDU/CSU-Fraktion noch im Bundestag. In der Fragestunde legt die SPD der Bundesregierung einen ganzen Katalog von Fragen zur Außenpolitik vor. SPD-Sprecher Barsig warf der Union vor, sie treibe keine "Politik für Deutschland, sondern gegen Deutschland".