Berlin

Zwischen Mona Lisa und dem Mann mit dem Goldhelm standen die beiden schwedischen Twens am Mittwoch letzter Woche und stülpten weißblaue, gestrickte Pudelmützen über die blonden Schöpfe. Der Bürgersteig, verziert mit den kunstgewerblichen Leonardos und Dürern aus bunter Kreide, wimmelte von Berlinern, West- und Ostdeutschen und Schweden, die schon am Vormittag so was wie Festgefühl in den Knochen hatten. Die Skandinavier trugen papierne Falttaschen mit Whisky und Spielzeug. Weihnachten ist nah, und zu Hause kostet eine Flasche "White Horse" oder "Johnny Walker" 40 Mark.

Um mich nicht unvorbereitet der großen Stunde zu stellen, kaufte ich am Stand einen "Kicker". Wenn ich auch längst den modernen Fernsehfußball nicht mehr für einen Marienkäfer hielt, bei "Schweizer Riegel" nicht an Milchschokolade und beim "Verbinder" nicht mehr an "Hansaplast" dachte – nachzuempfinden, wie es ist, "ein Menschenalter im Fußball zu stehen", vermochte ich nicht.

Am nächsten Tag war, nach "Kicker" Nr. 44 a, der Sieg vertändelt. Obwohl Uwe Seeler und Helmut Haller,zwei derartig "begnadete Ballkünstler", mitgekickt hatten. Man hatte eben nicht darauf gehört, was Fritz Walter "beschwörend den Kameraden zugerufen hatte: "Optimismus ist gefährlich."

Der Freund, der die Anschaffung des "Kicker" vorgeschlagen hatte, am Telephon befragt, ob der schwedische König zu den Fußballgästen zählen würde, was doch möglich sei und einer demokratischen Nation gut anstehen würde, erteilte nach kurzem Bedenken die Antwort: Nein. Bei den Prinzessinnen sei es eher möglich: bei Ingmar Bergman wisse man nicht... Sicher kämen der schwedische Handelsminister Lange, weil er Chef der Fußballvereinigung seines Landes ist, der Botschafter aus Bonn und der Berliner Generalkonsul.

Ein anderes Gespräch mit dem bekannten Berliner Kabarettisten N. verlief negativ. Er verbot mir kompromißlos karnevalistische Wortbildungen wie Strafpfeife, Abmeter, Elferkopf. Ich verletzte seine Auffassung vom Ernst der Sache. N. betreibt Fußballsport aus proletarischen, antigesellschaftlichen Motiven.

Schweden in Berlin hieß der Schlachtruf. Größte Invasion seit dem Dreißigjährigen Krieg. An die 5000 Spielbummler aus dem Norden waren gemeldet zu dem Spiel Deutschland gegen Schweden. Schon im Sommer hatte der Kopf der Reiseorganisation, Herr Jörgensen vom schwedischen Reisebüro, Hotelquartiere bestellen lassen. Zwei Chartergesellschaften flogen mit zehn Flugzeugen zwischen Malmö und dem Ostberliner Flugplatz Schönefeld hin und her. Von dort wurden die Gäste mit Bussen durch den Sektorenübergang Rudow nach Westberlin gefahren. Eine Flugzeugladung wohnte im Ostberliner Hotel Sofia, (Zimmer mit Bad zirka 15 Mark. Im Hilton: 35 Mark plus 15 Prozent). Rund 1000 Gäste kamen durch die Luft, die anderen in Zügen, Bussen, eigenen Wagen. Herr Jörgensen: "Die Leute mußten bis zu sieben Tage vom Jahresurlaub abstreichen lassen; Besucher von der lappländischen Grenze waren 2200 Kilometer unterwegs. Es sind eben Sportphantasten."