Wenn man nicht zu denen gehört, die es schon für einen Gewinn halten, daß alles so bleibt, wie es ist, kann man in der innerdeutschen Politik der letzten Monate schwerlich viele Ansätze zu Neuem erkennen. Nur in einer Hinsicht sind starre Fronten in Bewegung geraten, in der Kulturpolitik.

Das ist um so bemerkenswerter, als die Pessimisten – und deren gibt es viele – gerade für die Kulturpolitik eine hoffnungslose Stagnation auf lange Zeit vorausgesagt hatten. Statt dessen begegnen uns in mehreren Bundesländern wichtige Initiativen; der Bund will sie demnächst durch seinen ersten Wissenschaftsbericht ergänzen; und vor einiger Zeit hat nun sogar die oft geschmähte Ständige Konferenz der Länder-Kultusminister folgenschwere Reform-Beschlüsse gefaßt. Mancher hält sich darüber auf, daß diese Beschlüsse nur unter Mühen in einer Sendersitzung zustande gekommen sind – aber wo hätte es das schon gegeben, daß das Neue gleichsam von selbst eintritt?

Bis vor kurzem noch mußte man bei uns zulande den Eindruck haben, daß mit Fragen der Kulturpolitik jedenfalls keine Wahlen gewonnen werden können, ja daß der kulturpolitische Reformer sich (wenn man an die Hamburger Bürgerschaftswahlen von 1953 denkt) eher der Gefahr aussetzt, Wahlen zu verlieren. Eine merkwürdige Sache: Jeder ist einmal zur Schule gegangen, alle Eltern haben Schulsorgen für ihre Kinder, aber man sträubt sich dagegen, die Fragen, die in diesem Zusammenhang auftauchen, politisch zu nennen und mit den Mittels der Politik zu behandeln.

Inzwischen ist das etwas anders geworden, wenngleich nicht immer ganz klar wird, was eigentlich der vielzitierte "Druck der Öffentlichkeit" ist. Einige Presseveröffentlichungen, darunter insbesondere die Artikel von Georg Picht, haben die Schlagworte vom "Bildungsnotstand" und der "Bildungskatastrophe" in aller Mund gebracht, so daß nunmehr selbst deren ironische Kritiker nicht mehr leugnen können, daß "etwas getan werden muß" in der deutschen Bildungspolitik.

Hier ist an ein paar Grundtatsachen zu erinnern.

  • In der modernen Gesellschaft bestimmen Umfang, Art und Qualität der Ausbildung der Menschen zunehmend die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit wie dann auch das Niveau der politischen Teilnahme und den Stand der kulturellen Entwicklung.
  • Zumindest quantitativ weist die Bundesrepublik hier einen erheblichen Rückstand gegenüber vergleichbaren Ländern auf: Die Dauer der Grundausbildung ist kürzer, der Anteil der Abiturienten und Studenten an den Geburtsjahrgängen geringer als andernorts. In Anbetracht der vielen ein- und zweiklassigen Volksschulen, aber auch der Desorganisation etwa des Universitätsstudiums liegt es nahe, auch qualitative Unterschiede zu vermuten.
  • Es gibt in unserem Lande noch erhebliche sogenannte Reserven an Talenten, die entwickelt werden können. Das läßt sich durch den internationalen Vergleich feststellen; es wird auch deutlich durch das innere Bildungsgefälle (wenn also beispielsweise in Hessen neun Prozent jedes Jahrganges, in Rheinland-Pfalz aber nur vier Prozent zum Abitur kommen). Untersuchungen zeigen, daß insbesondere drei Gruppen im deutschen Bildungswesen zu kurz kommen: Mädchen, Landkinder und Arbeiterkinder.
  • Es ist also ein Gebot der ökonomischen Vernunft und der sozialen Gerechtigkeit zugleich, entsprechende Reformen im deutschen Bildungswesen in die Wege zu leiten.

Lange Zeit haben unter den deutschen Parteien vor allem die Freien Demokraten und die Sozialdemokraten Bildungsprogramme entwickelt, während die CDU/CSU im Gegensatz zu ihrer wirtschaftspolitischen Liberalität kulturpolitisch die Beharrung geradezu zum Programm erhoben hatte. In den letzten Monaten fällt nun auf, daß die CDU/CSU eine entschiedene Wendung zu kulturpolitischer Progressivität vollzogen hat. Diese Wendung wird verkörpert in den Personen des nordrhein-westfälischen Kultusministers Mikat und des baden-württembergischen Kultusministers Hahn, findet aber auch sonst, etwa bei der Jungen Union, beredten Ausdruck. Das heißt nicht, daß die anderen Parteien inaktiv geworden wären; man denke nur an die bildungspolitischen Leitsätze und wiederholten großen Anfragen der SPD im Bundestag oder das Wirken von FDP-Politikern wie Frau Hamm-Brücher in Bayern und Professor Erbe in Baden-Württemberg; doch scheinen FDP und SPD den Effekt der Wendung der CDU mit etwas säuerlicher Miene zu betrachten, nachdem ihre eigenen Pläne so lange erfolglos blieben. Man kann nur wünschen, daß der parteipolitische Neid nicht den Fortgang der Sache hindert. Zur Auseinandersetzung gibt es im Detail ohnehin genug Stoff.