Die Bundeswehr, nüchtern gesehen

Friedrich Weltz: Wie steht es um die Bundeswehr?; Nannen Verlag, Hamburg; 152 Seiten, kartoniert, 12,– DM. – Das Buch ist nur unmittelbar vom Verlag zu beziehen.

Die Illustrierte "Stern" hat zusammen mit dem Institut Infratest erforscht, wie die Bevölkerung über die Bundeswehr denkt. Das Ergebnis liegt in diesem Buche vor. Es ist eine wichtige Grundlage bei allen Untersuchungen über die Maßnahmen, die notwendig sind, das gestörte Verhältnis zwischen Bundeswehr und Öffentlichkeit zu heilen. Noch wertvoller wäre das Ergebnis gewesen, wenn man auch die aktiven Berufssoldaten hätte fragen dürfen. Leider hat das Ministerium eine solche Umfrage nicht erlaubt.

Anders als bei der Aufstellung der Bundeswehr vor zehn Jahren wird heute die Bundeswehr von der Mehrheit der Bevölkerung als notwendig anerkannt, wenn auch als notwendiges Übel. Die Gründe für den Sinneswandel sind kurios: Nach dem ungarischen Aufstand und dann nach der Errichtung der Mauer wuchs die Zahl derjenigen Staatsbürger beträchtlich, die das Heer bejahten.

Immerhin würde aber immer noch die Mehrheit der Westdeutschen einem jungen Menschen abraten, Berufssoldat zu werden. Offiziere und Politiker gehören zu den Berufen, die am wenigsten Achtung genießen. Das ist für den Staat nicht gut, aber man muß es wissen. (Das größte Ansehen genießen Ärzte, dann Ingenieure, Geistliche, Bergarbeiter, Richter, Schuldirektoren. Gegenüber den Künstlern überwiegt die Zahl der Staatsbürger, die diesem Beruf die Achtung versagen.) Am stärksten ist die Geringschätzung des Soldatenberufs ausgeprägt bei den jüngeren Mannern. Und wenn Frauen mit einem Manne ausgehen, so kommen auf eine Frau, die ihren Begleiter gern in Uniform sähe, sechs, die ihn lieber in Zivil sähen.

Höchst merkwürdig ist die Tatsache, daß von den Bejahern der Bundeswehr die weitaus meisten ihr als das Wichtigste eine erzieherische Aufgabe für die jüngeren Menschen zuschieben. Um zwei Drittel weniger Bundesbürger sehen ihre Hauptaufgabe in der Verteidigung. Und vollends erschütternd ist eine andere Zahl: 78 Prozent der befragten Männer halten den Soldaten der alten deutschen Wehrmacht, nur drei Prozent den Soldaten der Bundeswehr für den besten Soldaten der Welt.

Den meisten Beurteilern ist die Bundeswehr aber, nicht modern genug. Sie werfen ihr nicht vor, daß sie die Überlieferung der Wehrmacht – vernachlässige, sondern daß sie in der Ausbildung und in den Waffen zurückgeblieben sei. Der Verfasser der Berichte bemerkt nachdenklich dazu: "Das Bewußtsein, auf militärischem Gebiet hinter anderen zurückzustehen, muß für viele – und nicht nur für die älteren – eine beträchtliche Umorientierung bedeuten, war doch früher das nationale Selbstbewußtsein zum beträchtlichen Teil eine Frage des Stolzes auf die Armee."

Das alles sind Urteile von Zivilisten und ehemaligen Soldaten, die vor 1945 gedient haben. Auch ehemalige Bundeswehrsoldaten sind aber befragt worden, und dabei ergab sich die Tatsache, daß viele glauben, der Soldat genieße heute nicht das Ansehen, das ihm zukomme.

Die Bundeswehr, nüchtern gesehen

Warum melden sich immer noch Tausende von Freiwilligen? Die Antwort auf diese Frage ist betrüblich für alle diejenigen, die hofften, in der Bundeswehr suchten junge Leute ihr Ideal Lassen wir wieder den Verfasser sprechen: "Man meldet sich freiwillig, um die Wehrdienstzeit möglichst schnell hinter sich zu bringen, um die Zeit, die man sonst auf die Einberufung warte:, nicht zu verlieren. Man meldet sich freiwillig, weil man sich gewisse berufliche Vorteile dadurch erhofft, etwa durch die Ausbildung. Am häufigsten waren finanzielle Erwägungen. Der höhere Sold der Freiwilligen sowie die Abfindungssumme, die bei der Verpflichtung über die gesetzliche Wehrdienstzeit hinaus gezahlt wird, sind für viele entscheidend." Fügen wir noch hinzu, daß ein großer Teil der Befragten genug Unteroffiziere kennt, die als Schleifer berüchtigt sind, so haben wir im ganzen kein erbauliches Bild vor uns.

Doch fehlen auch freundlichere Seiten nicht in der Gesamtdarstellung. "Die Mehrheit der Rekruten denkt gern an ihre Wehrdienstzeit zurück; positiv steht das Erlebnis der Kameradschaft vielen noch im Gedächtnis, negativ hat man weniger Schikanen oder schlechte Behandlung, sondern die schlechte Bezahlung und die geringe Freizeit in Erinnerung, also Momente, die nicht so beunruhigend sind. Die von Vorgesetzten erteilten Disziplinarstrafen werden von den meisten als gerecht empfunden; das Gefühl, sich ohne nachteilige Folgen beschweren zu können, ist gegeben; die Ausbildung wird nur von wenigen als zu hart empfunden, eher findet man sie zu weich; die Rekruten zeigen ein kritisches Empfinden gegenüber übertriebenen Erziehungsmaßnahmen, jedoch ohne allzu große Empfindlichkeit, etwa bei Kraftausdrücken."

Im ganzen ist ein bedeutsames Material zusammengetragen worden. Eine genaue Lektüre bestätigt den Eindruck großer Objektivität bei der Umfrage und ihrer Auswertung. Damit ist eine Grundlage gegeben, mit der Staatsbürger und Sachverständige etwas anfangen können, wenn sie daran gehen, das Verhältnis zwischen Staat, Volk und Bundeswehr zu verbessern.

Heinrich Hoffstede