Von Platon ist die Rede, der in Athen im Hain des Akademos zu lehren pflegte, so daß die platonische Schule von Athen stets und heimlich mitgenannt bleibt, wenn von Akademikern und Akademien gesprochen werden soll.

Dabei hat freilich eine Akademie der Künste nicht eben viel Anlaß, sich gerade auf den Denker der Politeia und der Nomoi zu berufen, denn in ihnen steht nachzulesen, wie wenig der Staatsdenker Platon von den Künsten hielt und ihrer Möglichkeit, das philosophische Gemeinwesen durch nützliche Beiträge zu verbessern. Eine Akademie der Wissenschaften, sei’s drum. Aber eine Akademie der Künste? Das Gesetz des Mimesis beherrschte alle Künste der athenischen Blütezeit. Jede Nachahmung dieser Art aber war dem Philosophen ein Greuel. Im zehnten Buch über den Staat macht er den ehrfürchtig verehrten Homer für derlei mimetische Flausen der Poeten verantwortlich. Verbannt werden aus dem platonischen Staat die Possenreißer der Komödie. Verschlossen aber wird das Tor auch vor Tragödiendichtern und Tragöden, und zwar mit einem höhnischen Einwand des regierenden Philosophen, der uns auch noch in anderem Zusammenhang beschäftigen wird. Man solle ihnen nämlich von Staats wegen so antworten: Liebe Freunde, wir sind auch selbst nach Kräften solche Dichter, und zwar Dichter der allerschönsten, allerbesten Tragödie. Unsere ganze Verfassung besteht nur in einer Nachbildung des besten, edelsten Lebens, und das nennen wir in Wirklichkeit die wahrste Tragödie. Ihr seid also Dichter, und wir sind es auch in der gleichen Gattung; wir sind eure Nebenbuhler und Rivalen in dem edelsten Drama, welches aber natürlich nur eine wahrhaftige Gesetzgebung zu vollenden vermag, wie man unsererseits sich die Hoffnung macht.

Nicht besser ergeht es den bildenden Künsten. Die platonische Philosophie ist bekanntlich Ideenschau. Zuerst gibt es die ideelle Einheit von Tisch und Stuhl – die Beispiele werden von Platon selbst gewählt –, dann folgt in der Hierarchie der reale einzelne Tisch oder Stuhl. Womit es sein Bewenden haben müsse, denn was solle nun noch der Maler, der einen Stuhl gemalt habe. Verächtlich nennt ihn Platon den Nachahmer des Dinges, von dem jene – der Gott als Urschöpfer und der Stuhlmacher als Werkschöpfer – die Werkmeister sind.

Nein, eine Akademie der Künste mit Sektionen für Mimenkunst, also die dreisteste Form einer mimetischen Tätigkeit, für bildende Kunst und für Literatur hat wenig Anlaß, den göttlichen Platon anzurufen. Epos und Drama sind aus dem Staate verbannt. Eine Ausnahme pflegte der Schüler des Sokrates nur für die lyrische Gattung des Dithyrambus zuzulassen. Aber die Kunst des Dithyrambus ist nun wiederum nicht gerade eine Stärke heutiger Poesie.

Hier bereits zeichnet sich ein säkularer Konflikt ab, der uns immer wieder, und auch in dieser Stunde, beschäftigen sollte: als Spannungsverhältnis zwischen den Künsten und der politischen Gewalt.

Diese platonischen Entscheidungen haben nichts mit individuellen Sonderbarkeiten eines großen Denkers zu tun. Sie betreffen die Sache selbst. Die Sache der Künste. Der Philosoph Platon, wie jeder Denker und Mann der Wissenschaft, war auf der Suche nach Wahrheit. Worin aber wäre – das fragte Platon, das fragte Nietzsche, das muß immer wieder gefragt werden – die Wahrheit der Künste zu erblicken? Anders gefragt: Gibt es auch die künstlerische Wahrheit neben der wissenschaftlichen? Ernst Bloch, der sich im zweiten Teil seiner "Tübinger Einleitung in die Philosophie" sehr ernsthaft mit dieser für uns so bedrückenden Frage auseinandersetzt, gibt aus dem französischen achtzehnten Jahrhundert den Ausspruch eines Mathematikers wieder, der bei einer Aufführung der Iphigenie von Racine ausgerufen haben soll: Qu’ est-ce que cela prouve?

In der Tat, was wird dadurch bewiesen? Die Dichter lügen, und ernsthafte Menschen sollten ihrem Treiben nicht auch noch Anerkennung zollen. Ganz zu schweigen von einem Staatswesen, das auf Wissenschaft gegründet sein möchte und nach Verwirklichung des Erkannten strebt.