Von Wolfgang Leonhard

In Moskau wird jetzt wieder viel von "kollektiver Führung" gesprochen. Unwillkürlich erinnert man sich der Phasen nach dem Tod Lenins im Januar 1924 und nach dem Tod Stalins im März 1953. Auch damals wurde viel über "kollektive Führung" geredet – freilich nur, bis sich der neue Führer durchgesetzt hatte. Zwar wollen die gegenwärtigen Herrscher die beiden höchsten Ämter – den Posten des Ersten Parteisekretärs und den Vorsitz im Ministerrat – endgültig und für immer trennen. Der Beweis steht jedoch aus, daß das sowjetische System auf die Dauer ohne einen einzigen, alle anderen überragenden Führer auskommen kann.

Derzeit gibt es im Kreml kurioserweise zwei Führungsgruppen unterschiedlichen Ranges. Bei offiziellen Anlässen werden die ersten fünf Männer – Breshnew, Kossygin, Mikojan, Suslow und Podgorny – nach ihrer jetzigen politischen Bedeutung und Machtstellung aufgeführt. Die übrigen fünf Mitglieder des Parteipräsidiums – Woronow, Kirilenko, Koslow, Plojanski und Schwernik – dagegen werden in alphabetischer Reihenfolge genannt (wobei, dem russischen Alphabet zufolge, Woronow an der Spitze steht). Es ist jedoch kaum wahrscheinlich, daß die gegenwärtige Rangfolge lange so bleibt. Sie spiegelt die Rolle wider, welche die verschiedenen Sowjetführer bei der Ablösung Chruschtschows gespielt haben, und sie kennzeichnet den augenblicklich noch recht labilen Machtzustand. Mit personellen Veränderungen ist wohl schon bald zu rechnen: auf den nächsten Tagungen des Zentralkomitees sowie vor allem auf dem 23. Parteitag, der laut Parteistatut spätestens für Herbst 1965 einberufen werden muß.

Derzeit herrscht im Kreml das Triumvirat Breshnew-Kossygin-Mikojan. Leonid Breshnew vertritt die Kommunistische Partei, deren Funktion erweitert werden soll, wie aus sowjetischen Veröffentlichungen der letzten Tage hervorgeht. Alexej Kossygin ist der führende Repräsentant des Staats- und Wirtschaftsapparates; auf seine Fachkenntnisse kann keine Kremlführung leicht verzichten. Anastas Mikojan tritt zwar gegenüber Breshnew und Kossygin ein wenig zurück; er darf aber nicht unterschätzt werden. Seine außerordentlichen Fähigkeiten sind genauso unumstritten wie seine große Autorität; dies und Mikojans Stellung im Parteipräsidium geben dem bisher weithin repräsentativen Posten eines Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets ein bedeutendes politisches Gewicht. Neben Schwernik ist Mikojan übrigens der einzige sowjetische Führer, der schon vor 1917 der bolschewistischen Partei beitrat und der dann bei der Oktoberrevolution und im Bürgerkrieg eine Rolle spielte.

Die übrigen Mitglieder des Parteipräsidiums sind nicht alle als zweitrangig zu betrachten. An vierter Stelle der Rangliste steht jetzt der 62jährige Michail Suslow. Er wird seit dem Sturz Chruschtschows in der Presse wieder sehr herausgestellt. An der Absetzung Chruschtschows hat er sich aktiv beteiligt. Allerdings sollte man seine Bedeutung auch nicht überschätzen. Es ist fraglich, ob Suslow seine jetzige Position auf die Dauer halten kann. Er ist ein versierter Ideologe, aber eine Hausmacht besitzt er nicht. Im übrigen hatte er als Gebietssekretär von Rostow in den Jahren 1936 bis 1938 die große Säuberung unterstützt; als einziger der heutigen Führer hat er sich Ende 1952, kurz vor Stalins Tod, bei der damaligen Wachsamkeits-Kampagne hervorgetan.

Als möglicher Anwärter auf eine der Spitzenfunktionen gilt der 61jährige Nikolai Podgorny. An den Schrecken der großen Säuberung 1936 bis 1938 war er – damals Chefingenieur eines ukrainischen Zuckerunternehmens – nicht beteiligt. Zwar wurde er noch in den letzten Jahren Stalins Gebietssekretär in Charkow, auch stieg er schon 1952 in das Zentralkomitee auf, doch in den inneren Kreis der Spitzenführung gelangte er erst nach Stalins Tod.

Von 1957 bis 1963 war Podgorny Erster Parteisekretär der Ukraine und hatte damit das gleiche Amt inne wie Chruschtschow in den Jahren 1938 bis 1949. Im Sommer 1958 wurde er Kandidat, im Mai 1960 Vollmitglied des Parteipräsidiums; zusammen mit Breshnew wurde er im Juli 1963 auch noch Mitglied des ZK Sekretariats, so daß er heute den beiden entscheidenden Führungszentren des Landes angehört.