Von Walter Euchner

Hans Buchheim: SS und Polizei im NS-Staat. Selbstverlag der Studiengesellschaft für Zeitprobleme, Duisdorf bei Bonn; 224 Seiten, 1,– DM.

Enno Georg: Die wirtschaftlichen Unternehmungen des SS; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 154 Seiten, 9,80 DM.

Hans Buchheim vom "Institut für Zeitgeschichte" in München erstattete im Auschwitz-Prozeß ein Gutachten über "Die Organisation von SS und Polizei unter nationalsozialistischen Herrschaft", das die "Studiengesellschaft für Zeitprobleme" nunmehr in der Originalfassung vorlegt. Aufgabe dieses Gutachtens war es, Entstehen und Funktionieren des Machtapparates der SS darzustellen.

Für die Verfassungswirklichkeit des nationalsozialistischen Staates war der Dualismus zwischen Führergewalt und dem althergebrachten Prinzip der Staatlichkeit charakteristisch. Die Führergewalt, von der damaligen Staatsrechtslehre metaphysisch überhöht, galt als "umfassend und total" (E. R. Huber), der Führer war "Vollstrecker des völkischen Gemeinwillens" und konnte sich "gegen die subjektiven Meinungen und Überzeugungen einzelner Volksglieder" wenden, "wenn diese sich von der objektiven Sendung des Volkes abkehren" (E. R. Huber). Der Staat hatte demgegenüber allein die Aufgabe, "die ihm von der Partei gesetzten Ziele mit den Mitteln der Verwaltung zu realisieren".

Am Ende trat der Führerwille, über den allein das "Schicksal" zu richten hatte, an Stelle einer Verfassung. Es sei ein Mißverständnis, meint Buchheim, in der nationalsozialistischen Herrschaft die "äußerste Steigerung und Konzentraten staatlicher Macht" zu sehen. Es handle sich vielmehr um ein "völlig neues Herrschaftsprinzip", das im eigentlichen Sinne des Wortes totalitär sei. Damit ist der Standort der SS in der Verfassungswirklichkeit des nationalsozialistischen Staates umrissen: Die SS war die Exekutive dieses neuartigen Machtanspruches.

Buchheim zeigt, wie der Reichsführer SS, Henrich Himmler, Schritt für Schritt die deutsche Polizei aus der Innenverwaltung herauslöste und zu einem Instrument der neben- oder überstaatlichen "Führerexekutive" machte. Die klassische Aufgabe der Polizei ist die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit; Himmler dagegen sah in ihr ein Organ, das "den Willen der Staatsführung zu vollziehen und die von ihr gewollte Ordnung zu schaffen und aufrechtzuerhalten" habe. Die organisatorische Konsequenz aus dieser neuen Auffassung von der Aufgabe der Polizei ließ nicht auf sich warten: 1936 wurde das Parteiamt des Reichsführers SS mit dem Staatsamt eines "Chefs der deutschen Polizei" vereinigt. Zwar unterstand Himmler pro forma dem Reichsinnenminister Frick; als Reichsführer SS unterstand er jedoch direkt Hitler und könne so, auf dessen Autorität getützt, Konflikte mit der Verwaltung zu seinen Gunsten entscheiden. 1943 wurde Himmler schließlich selbst Innenminister.