Hamburg

Vor der goldenen Orgel mit den silbernen Pfeifen in der Hamburger Musikhalle stand Hans Joachim Kulenkampff und wies auf das Phonometer links neben sich auf der Bühne. Innensenator Schmidt hörte, umrahmt von Bürgerschaftsabgeordneten aller Parteien und von Herren der Schallplattenindustrie, aufmerksam zu, Dann waren da noch: Herren in blauen Anzügen mit roten Krawatten, nämlich das NDR-Unterhaltungsorchester, ein Ingenieur und ein Wasserschutzpolizist, das Phonometer betrachtend. Viel Publikum saß im Parkett und auf den Rängen.

Was stand bevor? Ein Ereignis von kommunalpolitischer Bedeutung, von Wichtigkeit für die Belange einer großen Stadt? Es stand bevor: die Endausscheidung im Wettbewerb um den besten, Endausscheidung

Als in einer Maiennacht Hunderttausende von Hamburgern, eingekeilt in Straßen, auf Plätzen, in U- und S-Bahnen weder vor- noch rückwärts konnten, ihre Augen gen Himmel richteten und auf das Feuerwerk zu Ehren des 775. Geburtstages ihres Hafens warteten, das nur für ein paar von ihnen sichtbar über einem kleinen Hafenbecken zerplatzte – da mußte der SPD-Senator Schmidt sich harte Worte und höhnisches Gelächter gefallen lassen. Seinen lädierten Ruf als Organisator aufzubessern, griff er dankbar nachdem Strohhalm, den ihm sein CDU-Kollege Damm – Mitglied der Bürgerschaft – entgegenhielt. Ihm war die Idee gekommen, ein Schlager zum Lob und Preise der Hansestadt müsse organisiert werden. Ein Wettbewerber... ein Lied, "das auf seine Weise für Hamburg sprechen, auf Hamburg deuten und die Freunde unserer Stadt erfreuen könnte", wie es im Programmheft Stadt

Senator Schmidt organisierte, und es klappte: 849mal entstand ein Lied für Hamburg, indie engere Wahl kamen zwölf. Laie Andersen sang, während die Geigen dahinschmolzen, das Sehnsuchtslied von einer Bank an der Alster, die lieber am Hafen stehen möchte. Das Phonometer, den Applaus der Hamburger Bürger und ihres Senators registrierend, stieg und fiel. Die Trompeten gaben ihr möglichstes für einen rückhaltenden Hamburg-Twist und ein Starletchor schunkelte: "Hamburg ist unsere Hansestadt, in der Rum getrunken wird und in der die Mädchen schön sind."

Gedämpfte Trompeten, leise Geigen bei "Meine große Liebe ist Hamburg". Und was auch kam, hieß immer "Michel, Reeperbahn, Möwen, Sehnsucht nach St. Pauli, Schwäne, Liebe, Schiffe". Einmal tippelte Friedel Hensch, eine freundliche Dame, auf die Bühne; zwei Herren, Cypris genannt, folgten. Sie sangen, schunkelten. Im Phonometer folgten. es auf, 347 Punkte, absoluter Rekord. Erschrocken floh die Punkte, Dame hinter die Bühne.

Der Innensenator hat sie, seine Schnulze. Die Hörer am Radio stimmten zu. Die Jury, einschließlich die Herren der Schallplattenindustrie, nickten wohlgefällig. Nun versuchte sich der Senator in Conferenciertönen und Dankesworten. "Schmidt-Schnulze" murmelte der biedere Bürger seinem Nachbarn zu. (Im Bundestag nannte man ihn einst – seiner Schlagfertigkeit zu Ehren – "Schmidt-Schnauze".)