Für Umfragen habe ich mich immer interessiert, vor allem aber für das Kuriose, das noch bei jedem Resultat zum Vorschein kommt. Da hat zum Beispiel das EMNID-Institut für Meinungsforschung, Bielefeld, festgestellt, daß der demokratische Sinn bei uns immer stärker geworden ist. Kurios? Nein, das Kuriose kommt noch.

"Welche Staatsform ziehen Sie vor?" so lautete die Frage. Im Jahre 1953 waren 57 Prozent für die Demokratie, im Jahre 1964 jedoch 76 Prozent. Anno 1953 gab es noch elf Prozent Monarchisten, 1964 nur drei Prozent. Für ein autoritäres Regime wären 1953 noch acht, aber heute sind es nur zwei Prozent. Sogar die Zahl derer, die "ohne Meinung" waren, ist geringer geworden: 23 Prozent Anno 1953, 15 Prozent 1964. Aber gestiegen ist die Zahl der "Sonstigen"; sie stieg von einem auf vier Prozent. Und das ist das Kuriose.

Die "Sonstigen", das sind wohl die Leute, die eigene Vorstellungen haben und denen Ausdrücke wie "Demokratie" und "Monarchie" nicht genügen. Sie antworteten beispielsweise lapidar mit dem Bekenntnis: "Ich bin für eine demokratische Diktatur" oder "... für eine diktatorische Demokratie."

Aber warum tun die "Sonstigen" das? Aus Spaß? Aus Überzeugung? Weil sie dem Befrager, der an der Wohnungstür geklingelt hat, einen kleinen Bären aufbinden wollten? Sollte der Sinn für Humor oder für Querköpfigkeit im deutschen Volk von einem auf vier Prozent gewachsen sein?

Bei Diskussionen, wie sie heute beliebt sind, passiert es immer wieder, daß plötzlich einer im Saal sich erhebt und ein Thema anschlägt, das überhaupt nicht zur Debatte steht. Zum Beispiel fragt in einer Versammlung, in der die Todesstrafe diskutiert wird, unvermittelt ein älterer Herr: "Und was wollen Sie gegen die Verschmutzung der Flüsse tun?"

Sogleich brummelt es unwillig im Saal, und der Diskussionsleiter rügt mit hochgezogenen Brauen: "Wie? Das gehört doch nicht hierher!" Aber nein, der ältere Herr gibt hartnäckig seinem Ärger über die verschmutzten Flüsse Luft und sagt zur Begründung dies: "Wenn ich sogar bei den Gegnern der Todesstrafe für mein Anliegen kein Verständnis finde, wo denn dann, meine Damen und Herren, wo denn dann?" Und dann setzt er sich still wieder nieder: ein "Sonstiger"!

Wo kämen die Meinungsforscher hin, wenn die "Sonstigen" nicht wären? Es kämen, nur hundertprozentig klare Ergebnisse zutage, und die Phantasie hätte keinen Spielraum mehr.