Von Johannes Uhlig

Englische Stahlaktien sind heute billig zu haben. Wer Phantasie hat, mag sich ausmalen, wie finanzkräftige amerikanische Interessenten die Gelegenheit wahrnehmen und in der Stille rasch das eine oder andere Aktienpaket zusammenkaufen. Doch eine derartige peinliche Überraschung dürfte der Labour Party bei ihren Verstaatlichungsplänen erspart bleiben.

Die von der Königin jetzt als Programm der Labour-Regierung angekündigte Verstaatlichung der Stahlindustrie erscheint auf den ersten Blick als eine Art Revancheakt. Sie beruht auf einem Entschluß, der vor 13 Jahren gefaßt wurde, als nämlich 1951 die Konservativen wieder an die Regierung kamen und als erstes die Stahlindustrie reprivatisierten. Damals verkündete die Labour Party, sie werde die erste sich bietende Gelegenheit wahrnehmen, diese Industrie von neuem zu verstaatlichen. Diese Gelegenheit war jetzt mit dem Wahlsieg Wilsons gekommen.

Die Ankündigung hat bei den Anhängern beider Parteien offenbar keine Leidenschaften aufgepeitscht. Die sozialistischen Mitläufer erwärmen. sich für eine verstaatlichte Stahlindustrie womöglich noch weniger als die konservativen Mitläufer für die Bewahrung des Privateigentums in diesem Bereich. Die Stahlaktien dürften heute vorwiegend bei den großen Vermögensverwaltungen liegen, vor allem bei Versicherungen und Investmenttrusts. Die Privatleute, die bei der Reprivatisierung Stahlaktien erworben und sich bis heute nicht davon getrennt haben, können kaum auf tieferes Mitgefühl rechnen. Sie waren gewarnt.

Die Befürworter der Verstaatlichung rekrutieren sich aus dem linken Flügel der Labour Party, aus der Gruppe der Funktionäre in den Ortsgruppen, die immer ein wenig zum Extremismus neigen. Sie stehen im Bunde mit einflußreichen Kräften im Gewerkschaftslager, die ironischerweise allerdings weniger in jenen Arbeitervertretungen zu finden sind, die für die Stahlindustrie zuständig sind. Für die Behauptung, die Verstaatlichung sei bei den Stahlarbeitern geradezu unpopulär, fehlt allerdings jeder Anhaltspunkt.

Forscht man nach den Ursachen, die zu der Labour-Doktrin von der Verstaatlichung der Stahlindustrie geführt haben, so stößt man unweigerlich auf die Weltwirtschaftskrise von 1930 bis 1933. Der wirtschaftliche Ruin der Industriestadt Jarrow und die von der Wirtschaftslage erzwungenen Fusionen bedrängter Werftunternehmen haben damals unter der Arbeiterschaft eine kaum noch vorstellbare Erbitterung ausgelöst. Nicht nur die Labour Party schrieb den Stahlindustriellen damals eine Schlüsselstellung zu und machte ihre geschäftlichen Dispositionen wesentlich für die Depression verantwortlich. Man glaubte, daß die Schwerindustrie den Anstoß zu Wirtschaftskrisen und Massenarbeitslosigkeit geben könne.

Tatsache ist, daß die Stahlindustrie damals teilweise schlecht geführt war und an einer Überkapazität krankte, die nicht zuletzt ein Überbleibsel der aufgeblähten Rüstungsindustrie während des Ersten Weltkrieges war.