Von Haug von Kuenheim

Berlin, im November

Ein kleiner Berliner Stoffbär, obligatorische Gabe an Touristen und Offizielle, wurde im politischen Porzellanladen Berlin zur Elefantengroße aufgeblasen, teilweise wohl in der Hoffnung, daß sich der Regierende Bürgermeister Willy Brandt an den zu erwartenden Scherben verletzte.

Der Bär ist schon fast ein Jahr alt, Senatsrat Korber hatte ihn im Dezember vorigen Jahres seinem Gegenüber am Passierschein-Verhandlungstisch, dem DDR-Staatssekretär Wendt, geschenkt. Wendt revanchierte sich jetzt, nach Abschluß der zweiten Vereinbarung, mit einem Bildband und mit Weinbrandverschnitt aus einem volkseigenen Betrieb. Anlaß genug für den liberalen Berliner Tagesspiegel, dies seinen Lesern als wichtigste Nachricht auf der ersten Seite zur präsentieren: "Korber schenkt Wendt Berliner Bären" – "Krach um Brandt – Schnaps, das war sein letztes Wort", meldete Bild. Und die CDU-Fraktion, glücklich, endlich politischen Sprengstoff gefunden zu haben, fragte drohend im Abgeordnetenhaus: "Billigt der Senat, daß Beamte des Senats Geschenkpakete von Vertretern eines Systems entgegennehmen, das auf Deutsche schießen läßt?"

"Kinder, laßt sie sich doch beschenken!" Aus dem Hotelportier, der dies sagte, sprach die nachsichtige Volkesstimme. "Vielleicht hat der Wendt Kinder, die spielen mit dem Bären. Und vielleicht hat er gesagt: ‚Korber, nun haben wir die Sache endlich geritzt, wenn du dann zu Hause bist und einen trinkst, denkst du an mich und schließt mich in dein Nachtgebet ein‘."

"Recht kleinkariert", meinte der Berliner Abend über den Feldzug gegen Stofftier und Schnaps, zu dem in fast allen Redaktionsstuben Berlins Sturm geblasen wurde, und er fügte hinzu: "Konsequenterweise müßte man der anderen Seite auch den angebotenen Stuhl verweigern. Passierscheingespräche im Stehen und mit zusammengebissenen Zähnen, das wäre die Alternative."

Wäre es nur um das kleine Wappentier aus Stoff gegangen, so hätte man im Schöneberger Rathaus wohl Gelassenheit bewahrt. In der letzten Zeit hat sich Willy Brandt jedoch steten Angriffen ausgesetzt gesehen. In der vorigen Woche arteten sie zu einer heftigen Kanonade aus. Ganz offensichtlich war Brandts Pressechef Egon Bahr die Zielscheibe, dessen Plädoyer für eine Politik nach dem Motto "Wandel durch Annäherung" einigen Berliner Politikern und Zeitungsleuten seit langem zuwider ist. Am Mittwochmorgen der letzten Woche, während Zeitungen in aller Welt vom Wahlsieg Johnsons berichteten, hielt die dem Springer-Konzern gehörende Berliner Morgenpost es jedenfalls für tunlich, mit fetten Schlagzeilen von einer "Jagd" Bahrs auf Leserbriefschreiber zu überraschen.