Ein arabischer König

Von W. o. v. Hentig

Jacques Benoist-Méchin: "Ibn Sa’ud und die arabische Welt"; Eugen Diederichs Verlag; 388 Seiten, 7,50 DM.

Der Aufstieg eines ins "leere Viertel", der grausamsten Wüste der Welt, Vertriebenen zum mächtigen Herrscher Urarabiens ist so phantastisch, daß er Gelehrte wie Literaten gleichermaßen zu einer Darstellung eines so wechselvollen Lebens reizen mußte.

Wie vollständig und anziehend Geschichte und Wirken von König Abdul Aziz Ibn Sa’ud immer beschrieben worden sind, erwies sich doch ihr Gegenstand keineswegs als erschöpft. Jacques Benoist-Méchin wollte nicht nur die Person des Königs, sondern das ganze arabische Volk unseren Vorstellungen und unserem Verständnis näherbringen. Das unterscheidet sein Werk grundlegend von den bisherigen Lebensbeschreibungen.

Es beginnt mit einem Hymnus auf die Wüste, ihre Weite und Schönheit, ihre Grausamkeit und Einsamkeit. Sie hat die vielen Geheimnisse der vergangenen großen Kulturen begraben, sie gestaltete den arabischen Menschen in all seinen typischen Eigenschaften, trieb ihn in großen Wanderungswellen nach Norden und verlieh ihm die Fähigkeit, fremde Kulturen weiterzuentwickeln.

So erhalten wir auf breitem Hintergrund die Geschichte eines arabischen Idealtypus, den wir dann im Sohn des Stammeschefs Abdur Rahmans, dem schon als Jüngeren geistig und körperlich weit über seine Araber hinaus gewachsenen Abdul Aziz genannt Ibn Sa’ud, erleben. In Taten und Worten finden wir ihn uns unmittelbar vorgestellt. Sie mündet schließlich in unsere Tage, wo der Verfasser König Sa’ud I., Ibn Abduletzio, den Sohn seines großen Vaters besucht.

Wie kommt Benoist-Méchin zu den vielfachen Einzelbeobachtungen der Person und den seinem Helden in den Mund gelegten Aussprüchen und Ansprachen, zur Freilegung seiner innersten Gedanken und letzten Ziele? Wie hat er die Wirkung der Persönlichkeit von Abdul Aziz Ibn Sa’ud auf seine ersten Mitkämpfer, dann die von ihm gegründete Brüderschaft der Wehrbauern, seine zahlreichen Widersacher und nicht zuletzt die tiefen politischen Überlegungen des Königs so treffend darstellen können, treffender vielleicht als jemand, der sie miterlebt hätte?

Ein arabischer König

Er hat es nun einmal unwillkürlich verraten. Er meinte, er habe als Schriftsteller das Glück, Je privilège", gehabt, zehn Jahre im Gefängnis gesessen zu haben. Die Phantasie ist nun aber "sowohl der Poesie wie der Geschichtsschreibung Mutter". Rankes Wort erinnert in diesem Zusammenhang den Rezensenten an zwei Werke: Döblins "Drei Sprünge des Wang lun", das eine ihm vertraute Gegend Chinas genau beschrieb und darüber hinaus gebildete wie bäuerliche Chinesen in Wort und Gebärde treffend wiedergab. Döblin hatte China niemals betreten und weder Chinesisch studiert noch Beschreibungen jener Gegend gelesen. Lediglich Besuche des Berliner Völkerkundemuseums hatten seine Phantasie beflügelt. Und Erich Maria Remarque, der seine Kriegsschilderungen wesentlich auf Lazarettgesprächen aufbaute, hatte wie Döblin die Wirklichkeit besser getroffen, als dies eigenes Erleben ermöglicht hätte.

Bei Benoist-Méchin war seine Vorliebe für die Söhne der Wüste schon bei Verhandlungen mit den türkischen Machthabern über die Grenzen Syriens geweckt. Auf Ibn Sa’ud aber hatte ihn der Zufall in Gestalt einer kleinen Sergeantin der Heilsarmee gebracht. Sie steckte ihm im Gefängnis Armstrongs Leben des Königs Ibn Sa’ud zu. Seine Lektüre war Grundlage und Anregung zu einer visionären, in ihrer Art einzigen künstlerischen Verflechtung von völkerpsychologischen, geschichtlichen, philosophischen und aktuell politischen Betrachtungen, verbunden und gehoben durch die Sprache, ja, bekennen wir es ruhig, eines Dichters.

Benoist-Méchin, der Verfasser von zwei Bänden der Geschichte der deutschen Armee und der Maisson de quarante hat in seiner deutschen Ausgabe – die französische ist bereits in 120 000 Exemplaren verbreitet und sogar ins Japanische übersetzt – mit der Art seiner politischen und geschichtlichen Betrachtungen uns ein Geschenk gemacht, das ihm besonders unsere Politiker und Politologen zu danken hätten.

Zur Übersetzung nur eine Bemerkung im Sinne des Germanisten Benoist-Méchin, der seine Fakultät gewählt hat, "weil er die deutsche Sprache liebte". Der Franzose sagt in seinem unerschütterlichen Sprachgefühl Arabie Seoudite, auf deuisch Saudisch Arabien oder Saudien. "Saudi Arabia" ist eine im kolonialen England übliche Übernahme der arabischen Adjektivendung. Saudi-Arabien entspräche franzaise Afrika oder egyptian deutschen Beziehungen!