Die meisten sahen aufs Geld – Chaos im Kombinat

Reise-Unternehmen treiben Motiv-Forschung. Psychologen, Soziologen und Elektronenhirne werden eingesetzt, um die Wünsche der Feriengäste kennenzulernen. Auf knappe Formeln werden die Antworten gebracht. Soweit vorläufig bekannt ist, machen die meisten Menschen heutzutage Ferien:

  • um sich zu erholen. Den Urlaub mit einer Kur zu verbinden ist die größte Sehnsucht. In gleichem Maße bestimmend für die Wahl des Ziels ist die Sonnensehnsucht.
  • Um sich zu bilden.
  • An dritter Stelle steht nach diesen Forschungen die Prestige-Lüsternheit. Man sucht ein möglichst fernes Ziel, um zu Hause erzählen zu können.

Aber die Reiseleiter eines angesehenen westdeutschen Touristikunternehmens, das mindestens ebenso wie auf errechnete Zahlen auf persönliche Berichte baut und in diesen Tagen die Erfolgsbilanz des Sommers zog, wußten noch einige Punkte hinzuzufügen:

  • Mode spielt eine Rolle. Die Anziehungskraft der Urlaubsorte und Gebiete wechselt unvorhergesehen. So tauchen Inseln und Orte auf, und versinken nach einiger Zeit wieder ins Vergessen. Auch für das Nachlassen des Dranges zur Adria wird dieser Punkt als einer der wesentlichsten angeführt.
  • Erotik.
  • Sensationsbedürfnis. Als ein Beispiel wurde genannt: Das Anschwellen des Reiseverkehrs in die Ostblockstaaten. Freilich, hier werden nüchtern noch einige Gründe mehr ins Feld geführt:
  • Politisches Informationsbedürfnis.
  • Treffen mit Verwandten.
  • Angabe. Der Drang, den reichen Onkel aus dem Westen zu spielen, das Auto und das Brokatkleid bewundern zu lassen von Menschen, die ärmer sind. Minderwertigkeitsgefühle kompensieren, nennen das die Psychologen. Nur wenige Empfindsame lassen sich die ersten Tage durch Gefühle wie Mitleid trüben, dann siegen meistens auch bei ihnen Ferienfreude und Gewohnheit. Und der sensationelle Nervenkitzel, in einem Staat mit diktatorischer Willkür zu sein, läßt die anfängliche Angst und Unsicherheit, wenn im Hotel die Pässe abgenommen werden, vergessen.
  • Einer der Hauptgründe für die Wahl des Ferienzieles ist der billige Preis. So eroberte sich Mallorca seine Sonderstellung als beliebteste Insel: Von allen Zielen, die verhältnismäßig leicht zu erreichen sind, die Sonne und Strand und Wasser anbieten, war dies viele Jahre das billigste (von 307 Mark an für sieben Tage mit Vollpension). 1964 unterbot Bulgarien die Preise. Eine vierzehntägige Charterflugreise mit Vollpension war schon für etwas über 300 Mark zu haben.

Und so wurde in diesem Sommer die Schwarzmeerküste von Touristen so überrannt, daß sie längst nicht alle ein Bett finden konnten. Durch Preise, wie sie nur möglich sind, wenn ein Land unbedingt Devisen braucht, lockte die "Rote Riviera" – ein Name übrigens, der nicht ganz hielt, was er verspricht, es sind eher kleinbürgerliche Badeorte. Urlaubsgäste aus Ost und West kamen in Scharen. Das ausgezahlte Verpflegungsgeld reichte auch noch für Getränke. Und Nebenausgaben durch Souvenirkäufe entstehen nicht, weil es kaum etwas zu kaufen gibt. In Bulgarien war man jedoch dem Ansturm, der auf das günstige Angebot folgte, keinesfalls gewachsen. Das Organisationstalent und die touristische Erfahrung reichten nicht. Nur durch angenommene Doppelbuchungen war das zeitweilige Chaos zu erklären. Die Verantwortlichen entzogen sich der Verantwortung, die niedrigsten Chargen, junge, unerfahrene Leute, waren dem Ansturm der Beschwerdeführenden ausgeliefert. Man schickte schließlich die überzähligen Ostgäste, Polen, Ostdeutsche und andere, nach Hause zurück, sagte Bestellungen ab und stopfte die Westgäste in Ausweichquartiere, nach Varna, weit hinter den Strand oder in abgelegene Orte, die sie nicht gebucht hatten. Viele mußten drei Tage oder mehr in ein "Durchgangshotel", bis sie in das kamen, was sie zu Hause nach dem Prospekt gewählt hatten.

In dem riesigen Touristenkombinat (für 15 000 Gäste) in Rumänien und Bulgarien (demnächst 40 000 Gäste) leben die Devisenbringer aus dem Westen in schnell erbauten Luxushotels – das Wort Luxus sagt hier nichts über die Qualität, sondern nur über die Strandlage – und in Häusern minderer Klassen für sich, und dahinter, in gebührender Entfernung gestaffelt, in Gewerkschafts- und Arbeiterheimen die eigenen Urlauber des Landes. Noch immer wachsen neue Hotels; am "Goldstrand" sollen allein elf neue fertig werden.