Paris, im November

Der Versuch Adenauers, "die Schwierigkeiten zwischen Paris und Bonn aufzuhellen", hat ihm zumindest einen Prestigeerfolg eingetragen. General de Gaulle hat den Gast zweimal zu einer politischen Aussprache empfangen und insgesamt zwei Stunden mit ihm gesprochen – anstatt der 30 Minuten, die zuerst im Protokoll vorgesehen waren. Damit gab der Staatspräsident zu erkennen, wie ernst er den Versuch nahm und wie ernst er – auch als politischen Gesprächspartner – diesen Mann immer noch nimmt, den er zwei Tage lang in Paris mit Gesten der Hochachtung überhäufen ließ.

De Gaulle war sich der Bedeutung dieser Demonstration für die deutsche Innenpolitik natürlich bewußt. Es war ihn deshalb vielleicht ganz recht, daß Adenauer und Krone wie ein Tandem in Paris erschienen und daß der Bundesminister mit dem französischen Premierminister Pompidou gleichfalls den Versuch unternahm, die Lage zwischen Bonn und Paris "aufzuhellen".

Ob man freilich mit Prozedurfragen den Gang der Dinge noch ändern kann – das muß die Entwicklung der nächsten Monate zeigen. Denn der Versuch, den Adenauer und Krone unternahmen, galt vor allem der Prozedur: Sie versuchten, die Frist für den Getreidepreis zu verlängern und gleichzeitig jenes Element der Verzögerung, das neuerdings die Diskussion um die multilaterale Atommacht bestimmt, einer deutschfranzösischen Aussprache nutzbar zu machen.

Der Gedanke indes, daß man eine Art doppelte Atempause erreichen könnte – in der Deutschland für einen Aufschub in den MLF-Verhandlungen sorgen und Frankreich dafür eine Vertagung der Getreidepreisfrage anbieten würde, ist in Paris sofort zurückgewiesen worden. Er war zu einfach formuliert. Natürlich hat die Entwicklung der MLF-Verhandlungen bei de Gaulle den Verdacht ausgelöst, daß zwischen Bonn und Washington eine Europa-Politik betrieben wird, von der er nichts weiß und die mit seinen Vorstellungen nichts mehr zu tun hat. Dieser Verdacht vor allem erklärt wohl den Entschluß, der Regierung Erhard mit der Forderung nach den Agrarpreisen das Messer auf die Brust zu setzen.

Wenn es gelingt, dem General diesen Verdacht zu nehmen, kann er seine Drohung abschwächen. Die offizielle Interpretation der Agrarpreisforderungen erhielt schon nach den ersten Gesprächen, die Adenauer und Krone in Paris führten, einige neue, nicht unwesentliche Nuancen. Man ist in Paris bereit, von einem Fortgang der Agrar-Diskussion und von einem Beweis guten Willens zu sprechen, wenn andere Agrarpreise, über die man seit längerem verhandelt, geklärt werden. Man würde sich in der Frage der Getreidepreise mit "erkennbaren" Fortschritten begnügen und nicht mehr letzte Klarheiten verlangen – nur müssen diese Fortschritte einen Termin für die Einführung des gemeinsamen Getreidepreises einschließen.

Aber man darf sich nicht täuschen: Die Getreidepreisverhandlungen bleiben im Schatten der MLF-Diskussion. Man hat in Paris verstanden, daß Bonn heute, seitdem die Labour-Regierung Wasser in den Wein der MLF-Überlegungen goß, eine neue Diskussion um das ganze Projekt sucht und daß es daran auch in irgendeiner Weise die französische Regierung beteiligen möchte, aber man fragt sich, ob man richtig verstanden hat. Und man fragt sich, ob aus Bonn nicht bald wieder andere Töne zu hören sein werden. Das Tempo der MLF-Verhandlungen wird, so meint Paris, stärker von Washington als Von Bonn bestimmt werden; und so beginnt der unglückliche Kreislauf der Probleme von neuem: General de Gaulle hat seit einiger Zeit den Eindruck, daß in Washington eine Politik der Isolierung Frankreichs betrieben wird. Darin hat nach seiner Vorstellung auch die MLF ihren Platz.