Die abgebildete Zeichnung (Tinte, Sepia und Tusche) ist unsigniert und undatiert. Was sie darstellt, läßt sich nicht eindeutig fixieren. Ruinen eines Aquädukts? Aber dieser Aquädukt spannt sich zwischen wolkigen Gebilden, die reale Substanz ist eliminiert, vom Chaos der Elemente überwuchert, amorphe Natur, blasige Formen, Höhlen Mulden, Grotten und zart getönte Flächen – eine metaphorische Landschaft. Man könnte an Siegfried Oelze denken oder an einen Künstler, der über den Tachismus hinaus ist und mit heuen Möglichkeiten laboriert. Man könnte sich das Blatt auf der "I. Internationale der Zeichnung 1964" denken.

Aber es ist 1860 entstanden, und der Zeichner heißt Victor Hugo.

"Meine Zeichnungen sind ein wenig wild ... Mehr oder weniger ungeschickt von einem Manne aufs Papier geworfen, der anderes zu tun hat... Schöpfungen des Augenblicks... Zwischen zwei Strophen amüsiert mich das." Das klingt, als hätte der Zeichner Victor, Hugo sich für einen Dilettanten gehalten, als hätte er, um des größeren Ruhmes als Schriftsteller willen, dafür gelten wollen. Jedenfalls hat er mehr als tausend Zeichnungen hinterlassen. Baudelaire hat die Blätter bewundert, Théophile Gautier schrieb enthusiastisch: "Wäre Victor Hugo kein Dichter, dann wäre er ein Maler ersten Ranges."

Daß die Blätter, auch wenn sie über den Kreis der Freunde hinaus bekannt geworden wären, kein Verständnis finden konnten, ist einleuchtend. Der Zeichner Hugo war unzeitgemäß, er war seiner Zeit um Jahre voraus, er war sogar dem Schriftsteller Hugo entschieden voraus. Allenfalls im Ansatz, im romantischen Sujet, in der Vorliebe für Ruinen, für bizarre und groteske Formationen, für die nächtliche Szenerie gibt es Parallelen zwischen der literarischen und der bildnerischen Produktion. Aber der Zeichner arbeitet spontan, sein "Dilettantismus" erlaubt ihm jede Freiheit – von der Konvention, die aufzugeben dem Schriftsteller Hugo nicht in den Sinn käme, Er ist auch in der Technik erfinderisch er nimmt abgebrannte Streichhölzer, er tupft und wischt mit dem Daumen, er arbeitet mit Flecken und Spritzern, mit dem Moment des Zufälligen, er verwendet Kaffee, Milch, Zigarrenasche, Papierfetzen, er macht, was man heute Collage oder Frottage nennen würde.

"Paris Match" hat im Februar 1963 zum erstenmal diese Blätter farbig reproduziert. Dabei wurde Victor Hugo als "Vater der modernen Kunst" apostrophiert. Das ist übertrieben – die moderne Kunst hat viele Väter oder Vorläufer. In seinem Buch "Die Vorgeschichte der abstrakten Malerei" hat Otto Stelzer ihn in die Reihe der Vorläufer eingeordnet.

Zusammen mit den Editions du Minotaure (Paris) hat der Limes Verlag (Wiesbaden) jetzt den ersten großen Überblick über das zeichnerische Werk Victor Hugos herausgebracht. ("Der Zeichner Victor Hugo"; 232 S. mit 23 farbigen und 342 Schwarzweiß-Abb., 56,– DM): eine der interessantesten und wichtigsten Kunstpublikationen dieses Herbstes. Gottfried Sello