Professor Dr. Heer lehrt an der Wiener Universität Europäische Geistesgeschichte, ein Fach, dem er sich auch als Schriftsteller Mit Verve widmet. Sein jüngstes Buch zu diesem Thema heißt: Europa – Mutter der Revolutionen (W. Kohlhammer-Verlag).

Der Mensch "übersieht" den Menschen – man hat dieses Faktum als ein erschreckendes Wahrzeichen der Gegenwart angesprochen. Man hat Tests an Autobahnen und anderen verkehrsreichen Straßen angestellt: ein sehr hoher Prozentsatz der Fahrer fährt an einem Unfall vorbei. Wenn in München und andernorts ein Überfall verübt wird, halten es die Zeitgenossen des Tages und der Nacht oft nicht für nötig, die Polizei zu verständigen oder gar selber Erste Hilfe zu leisten. Tote und Schwerverletzte liegen "übersehen" am Straßenrande. Der Mensch sieht den Menschen nicht.

Das "Übersehen" des "Nächsten" scheint zu den Pflichten zu gehören, ohne deren gewissenhafte Beachtung es kein "Fortkommen" gibt: keine Mobilität, keine Karriere, keinen Aufstieg in der industriellen Großgesellschaft. Das "Übersehen des Menschen hat in den Jahren 1933 bis 1945 eine besonders fatale Rolle gespielt: "Man" gewöhnte sich daran, nicht hinzusehen, wenn dieser und jener Bekannte und Freund von gestern vorbeiging, vorbeigeführt wurde. Theodor Heuss hat es als einer der ersten nach 1945 offen ausgesprochen: Wir sahen so viel nicht, weil wir "es" nicht sehen wollten: "es", den Menschen.

Eine Bildungspolitik, die dem Menschen bei dem immer schwierigen Geschäft der Individuation, der Menschwerdung, der Personbildung helfen will, steht als erstes und letztes vor dieser Aufgabe: dem Menschen helfen, sich sehen zu lernen: sich selbst, ohne Selbsthaß und ohne Verschönung, und den Nächsten ebenfalls ohne Haß, Neid, ohne falsche Verschönung und böse Verzerrung.

Bildung – das war besonders in einem von deutschen Schulen und Hochschulen geprägten Bildungsraum vor allem Buchbildung. "Bildung" ist eine Wortprägung des deutschen Pietismus’ und bedeutet ursprünglich: die Lesung des "Wortes", die tägliche Bibellesung.

Bildung ist heute für viele Menschen auch Bildung durch Bilder – durch Schaubilder, Reizbilder einer Bildreklame, einer mit Bildern arbeitenden Werbung, Propaganda. Selbst das Buch, die Werbung für das Buch, und das Buch, das immer mehr zum Bilderbuch (auch als Sachbuch) geworden ist, scheint sich auf diese Bildung, diese Formung des Menschen durch Bilder einzustellen.