Verführung durch Bilder? Der Aufschrei gewisser Kreise angesichts gewisser Filme, die Tatsachen und Phänomene des Menschen, des Menschlichen zeigen, die man nicht wahrhaben, die man übersehen will, spricht hier eine deutliche Sprache. Der mentale Widerstand gegen eine Photographie, die in großer Leidenschaft den ganzen Menschen zeigen will, ist ein Symptom einer alteingefleischten Krankheit und Potenzschwäche: Der Mensch will den Menschen nicht sehen, er "übersieht" ihn.

Diese Flucht vor dem Anblick des Menschen hat außerordentliche politische und gesellschaftliche Folgen. Ich habe in den Jahren des kalten Krieges in langwierigen Diskussionen vor allem mit Theologen immer wieder versucht, diese von ihrem eilfertigen Reden und Predigen "über" den "Kommunismus", über den "Bolschewismus" hinzuführen zum Anblick des Menschen: des konkreten Menschen, des lebenden Menschen: dieser Mädchen, Jungen, Frauen, Männer in Rußland, Polen und so weiter. Nicht selten erhielt ich da die Antwort: "Aber sehen Sie denn nicht in diesen Menschen das Gesicht des Teufels?"

Es hat also seinen guten politischen, metapolitischen und zeitgenössischen Sinn, daß ein Mann aus Wien, Karl Pawek, es unternommen hat, eine "Weltausstellung der Photographie" zusammenzustellen. In der groß angelegten Skizzierung, in dem leidenschaftlichen Bemühen, eine Kartographie des "ganzen Menschen" vorzulegen, scheint mir ihr wesentlicher metapolitischer und politischer Akzent zu liegen.

Zuvor ein Wort über Bildungspolitik unserer großen Illustrierten. Sie machen heute Politik vor allem durch ihre "Bild politik": Sie beeinflussen Millionen Menschen vor allem durch ihre Bilder. Millionen Bilder erreichen durch sie Millionen Menschen. Je bewußter nun eine Zeitschrift, eine Bildzeitschrift, ihre Bildungspolitik als Bildpolitik betreibt, um so weitreichender, brisanter, gefährlicher, einflußreicher ist ihre Wirkung. Eine lineare brisante Bildmache im Dienste einer aggressiven Bildpolitik kann ebenso mörderisch wirken wie die Wortmache und Bildmache der antijüdischen Bildungspolitik naher und ferner Vergangenheit.

Wer nun die "Weltausstellung der Photographie" auch nur einmal sieht, wird unschwer in der Sekunde, da sie aufgenommen sind, keineswegs über die Bettelnde, und jene gelangweilten Frack- und Abendkleidträger langweilten sich gewiß nicht, weil sie im Augenblick der Aufnahme irgendwelchen Darbenden aus irgendeiner Ecke der Welt gegenübersaßen."

Gewiß: Diese Damen und Herren haben vielleicht nie in ihrem Leben Elendsgestalten wie die Frau da gesehen, die Besucher der Weltausstellung zum allergrößten Teil vielleicht auch nie: Sie haben sie "übersehen", wenn sie nach Spanien, nach Griechenland flogen. In der Ausstellung geht es nun nicht darum, die Damen in New York dies ersehen: Diese Dokumentation ist nicht ein nah- oder ferngesteuertes Projekt einer spezifischen politischen Bildungspolitik, sondern vom ersten bis zum letzten Bild das Werk des einen Mannes Karl Pawek.

Hinter der großen, unvergeßlichen Photoausstellung von Edward Steichen, "The Family of Man", 1955, steht ein klassisches humanistisches Menschenbild – "klassisch" hier nicht im Sinne einer gipsernen statuarischen "Antike" verstanden, sondern als ein Reichtum einer Humanität, die sich bemüht, in Menschen aller Farben, Rassen, Klassen, Alters- und Gesellschaftsstufen "das Antlitz des ewigen Bruders" zu ersehen. "Das Wahre, Gute und Schöne" des ewigen Menschen: auch in den Runzeln einer Greisin, in der melancholischen Gebärde eines Indianers, im fremden Gesicht fremdschöner Menschen.