Karl Paweks Blick auf den "ganzen Menschen" will mehr ersehen. Sein Menschenbild ist einige Dimensionen breiter, höher und tiefer angelegt. Diese Aussage sagt zunächst nichts gegen Edward Steichen und nichts für Karl Pawek aus: im Sinne einer Parteinahme. Hier geht es zunächst nur darum, die optische Anthropologie des Karl Pawek und der von ihm ersehenen Weltausstellung der Photographie in den Blick zu bekommen – und seine Intentionen wahrzunehmen.

Dies bedeutet zuerst: den Blick für den "Gegensatz", wie er hier ersehen wird, öffnen. Ein spezifisch binnendeutsches Mißverständnis mag hier eine Einführung in die Problematik bilden. Georg Ramseger wirft Karl Pawek unter anderem vor ("Die Welt", 10. Oktober 1964), in der Gegenüberstellung eines Photos, das zwei Damen auf einer New Yorker Party, und eines Photos, das eine bettelnde, hungernde Mutter mit Kind in Indien zeigt, folgendes zu intendieren: "Hier werden Mitleid erregt und Haß mit, wie wir glauben, unlauteren Mitteln. Jene Damen lachen anzugreifen, sondern darum, eine menschliche Aussage zu machen, wobei der Gegensatz zunächst ganz objektiv zu sehen ist: Sieh da, Mensch, so leben Menschen! Sieh diesen Menschen, sieh diesen anderen Menschen! Ich sehe hier die Bedeutung dieser Ausstellung gerade für einen deutschen Raum heute, einen Raum, in dem es keinen manifesten, sichtbaren, greifbaren, in der Gesellschaft wirkenden politischen Humanismus gibt; einen Raum, der jener Menschengläubigkeit entbehrt, die Georg Ramseger neidvoll-ironisch Karl Pawek vorwirft.

Zurück zu diesen Menschenbildern. Sie würden mißverstanden, würden sie als Verführung zu Sentimentalität, zu einer Groschen-Caritas, zu einer parteipolitischen demagogischen Anklage "gesehen" werden. Allerdings: wer dies in sich selbst trägt, wer selbst noch voll ist von Demagogie, von Sentimentalität, von falscher "Caritas", der wird in den Bildern nur sich selbst sehen. Genauso wie er sich aus Wort und Schrift nur herauslesen, wird, was in ihm ist.

Hier aber wird doch mehr gezeigt, ist einfach mehr vorhanden: Die großen Bildsätze der Weltausstellung der Photographie zeigen wirklich den "ganzen Menschen", soweit er in einer bestimmten Weltstunde ersehen werden kann: Da sind Menschen aller Rassen, Klassen, Kontinente, Alter, Bildungsstufen. Kranke, ja, kranke Kinder, Geisteskranke, vulgäre, ordinäre Gesichter und, daneben, die Gesichter eines Karl Barth, Picasso, Briand, Cocteau, Benn. Und wieder: Gesichter aus der "Masse", aus den Elendsmeeren, die unsere künstliche Konsumkulturinsel "Mitteleuropa" umbranden. Schreckliche, Schrecken erregende Bilder. Wohl Schocks, aber: keine Drohungen.

Hier steht eine Bilderpredigt vor uns. In dieser Ausstellung lebt etwas von den großen Barockpredigten eines Abraham a Sancta Clara, der seinen lieben, schlemmenden Wienern den Tod und das Leben, die Fülle und die Not in seinen Wortbildern vormalte. Warum nicht in Bildern vom ganzen Menschen sprechen? Dürfen wir die Sprache Luthers nicht mehr sprechen, weil sie ein Julius Streicher, noch in Nürnberg sich auf Luther berufend, "gebraucht" hat?

Ein spiritualistisches Zurückschrecken vor der Wucht dieser, wie Pawek sie nennt, "eklatanten" Bilder schüttet das Kind mit dem Bade aus: überläßt den Menschen der Papierflut (der Literatur) und dann den Blutbädern. Es ist heute an der Zeit, eben dies zu zeigen: den Menschen in den "Lagen" seines Lebens. Also: "Kinder spielen Engel", Heimkehrer aus der russischen Gefangenschaft, die Leprakranken in Stanleyville, den Basar in Istanbul, Menschen in einem Altersheim in Hamburg, Bettler in Peru und eine Party in Paris. Der Mensch ist nur Mensch in seiner ganzen gesellschaftlichen Situation.

Diese Binsenwahrheit wird, heute noch, allzu gern "übersehen". Die Weltausstellung der Photographie "weiß", daß man das große kommunistische Manifest nur in Richtung Zukunft überholen kann: durch ein Manifest des Menschen, das alle "angeht", weil es alle sieht. Gewiß: das neue, wirklich ganze Alphabet des Menschen wird nicht über Nacht geschaffen. Dieses Alphabet setzt, unter anderem voraus: mit dem Hirn fühlen, und mit dem Herzen denken lernen. Mit beiden: mehr sehen lernen und so die Menschwerdung befördern. Die Weltausstellung der Photographie ist eine einzige Einladung, sich auf diesen Weg zu begeben: zur Beförderung der eigenen Menschwerdung.