Wenn man die Ausstellung verläßt und die Eindrücke in sich absinken läßt und dann, Tage später, sich ihrer erinnert, kann man eine merkwürdige Erfahrung machen: Da verbinden sich, in der Erinnerung, die gegensätzlichen Bilder zu einer Symphonie. Der Mensch? Es gibt nur Menschen. Es gibt nur einzelne. Jeder ist anders. Und jeder ist mit jedem verwandt.

Der Mensch? Die Menschen sind schön. Schönheit, das ist hier nicht ersehen im Sinne eines Kanons irgendeiner Ästhetik oder Kunstschule. (Mit Ästhetik befassen sich vorwiegend Menschen ohne Sehvermögen, ohne Eros. Die "Ästhetik" der Griechen ist eine Liebeslehre und eine Denklehre.) Die Menschen sind schön. Das gilt in dieser Ausstellung nicht nur für den jungen Schwabinger als Babysitter, für die jungen Menschen, die da auf der Burgruine in Kronberg im Taunus eine Party halten. Schön ist die Marylin Monroe, die da, längst innerlich zerrüttet, in einem ihrer letzten Filme aufscheint. Schön ist der Zigeuner, der da, wie ein Känguruh, sein Kind im Bettelbeutesack trägt, in der Nähe von Guadix.

Der Mensch ist arm: in dieser Armut steckt jedoch eine Fülle, eine Fülle möglicher Wachstumsprozesse, möglicher Erfüllungen. Der Mensch: das sind große, reiche, gefährliche Möglichkeiten. Ich nenne hier absichtlich keine einzelnen Nummern dieser Ausstellung, um nicht, in falscher Weise zu provozieren. Die Provokation der Bilder sei hier nur angesagt: welche Zerstörungsmacht offenbart sich in einzelnen Gesichtern: Herrschsucht, Überhebung, Böse, Leere, Verweigerung.

Der Mensch ist dem Menschen gefährlich. Von Angst, Hunger, Armut, Reichtum, Krankheit, Fülle verwirrt, fällt er sich selbst, fällt den Nächsten an, dieser gefährlich lebende Mensch, der morgen wieder Scheiterhaufen anzünden kann, um sich selbst und den Nächsten zu verbrennen. Ihn zu sehen, in seinen furchtbaren Möglichkeiten, das Antlitz von Wahn verwirrt: Die Ausstellung zeigt, gerade in Bildern von "unscheinbaren" Leuten, diese Möglichkeit des Menschen.

Das ist der traurige Unterton: er ist Klage, nicht Anklage. Was ist der Mensch? Der Mensch ist das, was der Mensch dem Menschen antut. Der Mensch ist ein Lebewesen, das von Menschen sehr oft in unmenschliche Verhältnisse gebracht wird.

Den großen Reiz dieser Ausstellung macht aus, daß sie von verschiedenen "Sätzen" und einzelnen Aufnahmen, je als Achsen erwählt, verschieden "gelesen", gesehen werden kann. Die Ambivalenz, die Plurivalenz, die hohe Zweideutigkeit, Mehrdeutigkeit, Vielfärbigkeit, die schier unendliche Fragwürdigkeit des Menschen, jedes einzelnen, kann in den verschiedenen Perspektiven, zu denen diese Komposition einlädt, je verschieden wahrgenommen werden. Optisch – in einer spirituellen Optik, in der Ansehung der Vielgründigkeit jeder menschlichen Person ungeschulte Augen und Hirne mögen in einem solchen Herumsehen nur eine Spielerei sehen. Oder gar Einladung zur "Demagogie". Deshalb sei, noch einmal, hier darauf hingewiesen: alles kommt in Ansehung dieser Ausstellung darauf an, wie man ihre Provokationen sieht, vernimmt.

Denn: diese Bilder sind Provokationen. Sie wollen ein Gefühl, ein Wissen, ein Ansehen des Menschen hervorrufen.