Eugen Gerstenmaier ist ein ehrenwerter Mann. Er hat Mut bewiesen in Deutschland düsterster Zeit – als solcher Mut viele an den Galgen von Plötzensee brachte. Er hat nach dem Kriege das Vermächtnis des Widerstandes gegen Hitler wieder und wieder verpflichtend beschworen – als solche Beschwörung allzu vielen nervöse Verlegenheit bereitete. Er hat, Ungnade nicht scheuend, Zivilcourage gezeigt gegenüber dem Bundeskanzler Adenauer – und das lange, ehe die Kraft des Rhöndorfer Patriarchen gebrochen war. Und er ist Mal um Mal als Wortführer des Geistes aufgetreten, als Verfechter kühnen Zweifels und als Befürworter phantasievollen Vorausdenkens – zu einer Zeit, da in seiner eigenen Partei die Spießbürger sich mehr und mehr breit machten. Im Amt des Bundestagspräsidenten wußte er persönliche Autorität mit institutioneller Würde zu vereinigen. Alles in allem: ein Mann mit Profil. Nicht ohne Ecken und Kanten, gewiß, ein Einzelgänger auch, aber ein ehrenwerter Mann.

Die Bild-Zeitung ist ein Groschenblatt, dessen Auflagenziffer einen an der Urteilsfähigkeit der Deutschen verzweifeln lassen könnte. In seinen Spalten vermischen sich Astrologisches, Primitiv-Emotionen und Bonner Hintertreppenkonfabulationen, Verbrechen und Rührseligkeit. Politisch ist Goldwater Trumpf; die Gesinnungsfäden laufen hin zum Rheinischen Merkur‚ zum Bayern-Kurier – vom Bild-Chefredakteur Boenisch geradenwegs zum Bayern-Kurier-Herausgeber Franz Josef Strauß. Was vernünftig ist in der deutschen Politik, kann verläßlich mit der Gegnerschaft von Bild, rechnen. Was unvernünftig ist, darf fetter, billigender Schlagzeilen gewiß sein.

Ausgerechn t die Bild-Zeitung erwählte sich Eugen Gerstenmaier als Lautsprecher für seine Kampfansage an Bundeskanzler Erhard und Außenminister Schröder, wie sie in solcher Kraßheit niemand vor ihm erwartet hätte. In der Tat ist er mit seinem Interview vom vorigen Sonnabend eindeutig aus der Mittler-Rolle gefallen und in das Lager von Strauß und Adenauer übergetreten. Er riß damit die mühsam verklebten Wunden wieder auf, die eine Woche zuvor das Adenauer-Gespräch mit "Bild am Sonntag" hinterlassen hatte, und schlug Erhards Mahnung in den Wind: "Das deutsche Volk ist es satt, ständig mit unseren inneren Streitigkeiten beschäftigt zu sein." Gerstenmaier tat das Seine, den Topf des Streits am Kochen zu halten.

Er tat es, nachdem er einige Tage zuvor schon Schröders Ablösung zur Diskussion gestellt hatte – und nur zwei Tage nach der absichtsvollen Bild-Frage: "Wird Gerstenmaier unser Außenminister?" So konnte es kaum jemanden wundernehmen, daß sich Gerhard Schröder nach Gerstenmaiers neuerlicher Polemik gedrängt sah, auch seinem Herzen endlich vor der Öffentlichkeit Luft zu machen. Er warnte dabei Konrad Adenauer, der sich gerade als – nicht ganz unparteiischer – Vermittler nach Paris begeben hatte, vor zu großer Nachgiebigkeit. Taktvoll war das nicht, auch nicht sehr diplomatisch. Aber konnte man nach dem vorangegangenen Buschmesserkrieg erwarten, daß sich der Außenminister, den Rücken voller Dolche, noch lange in duldender Zurückhaltung üben werde? Durfte man das im Ernst glauben, nachdem Eugen Gerstenmaier der politischen Sittenverwilderung durch sein eigenes Bild-Interview Vorschub geleistet hatte? Nachdem Schröder aus allen Richtungen bedrängt worworden war, er solle endlich sein Schweigen brechen und seine Politik, verteidigen, solle nicht glauben, daß Sachgerechtigkeit allein genüge, sich durchzusetzen?

Wohl sagte Eugen Gerstenmaier, er habe nicht als Präsident des Bundestages gesprochen, sondern als CDU-Abgeordneter. Seine Persönlichkeit kann freilich so säuberlich keiner spalten, und der Bundestagspräsident erst recht nicht. Hat er nicht Heye im Frühsommer gerügt, weil sich der Wehrbeauftragte, statt vor den Bundestag zu treten, in die Illustrierten-Öffentlichkeit flüchtete? Hat er nicht am Montag vor einer Woche noch bedauert, daß Konrad Adenauer nicht das Parlament, sondern eine Zeitung als politische Arena auserkoren hatte? jetzt aber rühmte er sich vor den Bild-Reportern: "In der Fraktionssitzung am vergangenen Dienstag bin ich nicht so weit gegangen wie Ihnen gegenüber heute." Wenn so jener Mann spricht und handelt, der die Würde des Parlaments und seinen Platz im deutschen Staatswesen wahren soll, wie kann es da überraschen, daß das große politische Gespräch von der Opposition nur noch gelegentlich und meist durch die Hintertür der Fragestunde in den Bundestag zurückgeholt werden kann?

Doch nicht nur solche formalen Bedenken stimmen die Freunde Eugen Gerstenmaiers nachdenklich. Ebenso bedrückend ist die Substanz seiner Ausführungen. Er wirft Schröder – und indirekt auch Bundeskanzler Erhard – vor, sie schenkten "den Leuten" nicht reinen Wein ein. "Allmählich sind die Leute es leid, mit Seelenschmalz zusammengeleimt zu werden." Doch was bietet er selber an? Er macht den Versuch, das Unvereinbare zu vereinbaren. Und das geht nur auf Kosten kenntnisreicher Präzision. Das Ergebnis schlägt sich dann in Sentenzen von einiger Naivität nieder. Einige Beispiele:

  • "Es gibt doch gar keinen Unterschied zwischen de Gaulle und uns im Verhältnis zu den USA."
  • "Man kann in der Getreidepreisfrage so und in der Frage der MLF so oder so entscheiden, aber es darf dabei nicht die deutsci-französische Freundschaft gefährdet werden."
  • "Ich bin energisch und demütig genug, um mich über solche überholten Schlagworte wie Hegemonie hinwegzusetzen. Der deutsch-französischen Freundschaft zuliebe."