"Junge Aphroditen" (Griechenland; Verleih: Constantin): Der erst 36jährige Nicos Koundouros, der namhafteste griechische Regisseur nach Cacoyannis, soll "Junge Aphroditen" (1963) nach Theokrits "Idyllen", vor allem aber nach "Daphnis und Chloe", dem auch von Goethe bewunderten Hirtenroman von Longus (wohl zweites oder drittes Jahrhundert n. Chr.), gedreht haben. Vergleicht man jedoch das Drehbuch (Vassilis Vassilikos und Costas Sfikas) mit dem antiken Roman, so trifft man auf Schritt und Tritt Abweichungen und Diskrepanzen. Chloe und Daphnis sind zum Beispiel nicht mehr Zöglinge des gleichen Hirtenpaares, Daphnis, hier Skymnos geheißen, gerät eines Tages mit vielen anderen Hirten zufällig ins Fischerdorf am Ägäischen Meer, wo Chloe lebt. Und während wir bei Longus, im Happy-End, lesen: "Daphnis und Chloe aber legten sich zueinander, umarmten und küßten sich und schliefen nicht mehr als die Eulen", wird im Film Daphnis, der erschüttert zugesehen hat, wie Chloe sich einem taubstummen Hirten hingab, von Verzweiflung ins Meer getrieben und von den Wellen fortgerissen. Die Drehbuchautoren haben die Handlung vor allem auf wenige Motive reduziert und die Mythologie mitsamt ihrem Supranaturalismusfortgefegt. "Kleine Aphroditen", schon vielfach ausgezeichnet (auch mit dem Preis der internationalen Kritiker-Vereinigung "Fipresci"), versucht antikisches Lebensgefühl, den Zustand vor der christlichen Sünde zu vermitteln, einen amoralischen, keinen antimoralischen: einen Zustand jenseits von Gut und Böse. Wer bei Bergmans "Schweigen" Kopulationen nur deshalb erträglich fand, weil sie mit dem christlichen Gefühl der Sündhaftigkeit und Verwerflichkeit verbunden seien, der wird hier ohne diese Verbindung auskommen, er wird gleichsam ohne Schwimmgürtel schwimmen müssen: sich von den Wogen arkadischer Unschuld tragen lassen oder untergehen (sich wehren) müssen. Wenn der Film auch dem antikischen Lebensgefühl und der Schönheit zugedacht ist, so darf dies Lebensgefühl nicht sentimentalisiert werden. Wenn der Hirte Tsakalos den Widerstand der Fischersfrau Arta bricht, so kommt die Schönheit der Szene nicht aus dem Idyllischen, sondern aus der blitzartig alarmierten Wachheit des Animalischen. Gesprochen wird wenig, nur wenige uralte Instrumente (wie Gaida, Busuki, Santuri) begleiten die Szenen. Nur ein Berufsschauspieler und eine Tänzerin wirken mit, die anderen sind Laienspieler, Bauern, Bergleute, Volkstänzer: großartig in Szene gesetzt. Die griechische Landschaft (die Küste von Marathon und die Insel Rhodos) spielen wundervoll mit, der Landschaft in den "Männern von Aran" von Flaherty vergleichbar. Es ist ein "Gedicht in Bildern", gewiß, zuweilen ein Jubel in Grau. Nur ab und zu gerät die Kamera in die Nähe des Geschmäcklerischen und das Spiel in die Nähe des Posierens. Das sind dann auch die Momente, da die dem Longus-Roman nicht mehr gleichende Pubertätstragödie, nicht mehr wild und schön, unglaubwürdig wird: blaß und kraftlos. R. D.