Zwei der bedeutendsten deutschen Investment-Gesellschaften, die Deutsche Gesellschaft für Wertpapiersparen mbH (DWS), Frankfurt/Main, und die Union-Investment-GmbH, Frankfurt/Man, haben in diesen Tagen ihre Rechenschaftsberichte für ihre am 30. September endende Geschäftsjahre 1963/64 vorgelegt. Für die Zertifikatsbesitzer waren die Monate, über die berichtet wurde, durchweg erfreulich. Erfreulicher jedenfalls als die letzten Wochen, in denen die Abgabepreise der Zertifikate als Folge der schwächeren Tendenz auf den deutschen Aktienmärkten zurückgingen. Für viele erhebt sich die bange Frage, ob dies bereits wieder der Beginn einer länger anhaltenden Baisse-Bewegung an den deutschen ist. Was sagen die Investment-Experten dazu?

Franz Heinrich Ulrich, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Wertpapiersparen mbH (DWS) (Gesellschafter sind unter Führung der Deutschen Bank eine Reihe angesehener deutscher Privatbanken), hatte vor einem Jahr erklärt: "Die Kurse sind jetzt eher bezahlt!" Die Börse war damals über seinen "Pessimismus" etwas verschnupft, denn wenn jemand sagt, daß die Kurse "bezahlt" sind, heißt das nichts anderes als: Ich halte die Kurse für hoch genug! Und wenn die Kurse gerade richtig sind, besteht wenig Anreiz, Aktien oder Investmentzertifikate zu kaufen.

"Ulrich hat der Börse die Phantasie genommen", hieß es Ende vergangenen Jahres. In diesem Jahr wird der Vorwurf wieder erhoben, aber nicht gegen ihn sondern gegen Hermann J. Abs‚ Sprecher der Deutschen Bank, der erklärt hatte, daß man trotz steigender Gewinne für 1964 nicht mit höheren Dividenden rechnen könne, weil die Unternehmen vielmehr vorrangig ihre Rücklagen stärken würden. Diesmal wurden der Pörse die Dividendenhoffnungen genommen, von denen sie zum Jahresabschluß üblicherweise "zu leben" pflegt. Denn in dieser Zeit beginnt die Spekulation darüber, welche Gesellschaft ihre Dividende um wieviel Prozent erhöhen wird. Wenn die Antwort schlicht "Fehlanzeige" heißt, braucht man sich mit dem Aktienkauf nicht zu beeilen.

Franz Heinrich Ulrich versuchte jetzt auf einer Pressekonferenz, Optimismus auszustrahlen, ohne seinerseits höhere Dividenden zu versprechen: "Auf lange Sicht kann man für die Börse positiv gestimmt sein..." Alle Börsenprognosen müßten nämlich günstig sein. Die Produktion hätte sich gut entwickelt. Die zur Zeit herrschende Labilität sei in erster Linie das Resultat der innenpolitischen Unruhe. Eskomptiert die Börse bereits einen möglichen Wahlerfolg der SPD im kommenden Jahr? Hierzu äußerte Ulrich keine persönliche Meinung, sondern stellte lediglich fest, daß die Börse im allgemeinen auf SPD-Wahlerfolge ungünstig zu reagieren pflegt.

Mit Nachdruck machte Ulrich auf die Bedeutung des Aktien- bzw. Investment-Sparens als Sachwertsicherung aufmerksam. Die Kaufkraftentwertung des Geldes wird sich seiner Meinung nach auf die Aktienkurse befestigend auswirken, weil die Unternehmen schließlich Substanz anreichern. Ulrich ließ durchblicken, daß die Thesaurierungspolitik der Unternehmen nicht zuletzt auch wegen der inflationistischen Tendenzen nötig sei. Er sprach sich in diesem Zusammenhang aber auch dafür aus, daß die Rücklagen mehr als bisher sichtbar gemacht werden, denn nur dann sei zu erkennen, daß die Aktien auch tatsächlich wertvoller geworden seien, selbst wenn die Dividenden nicht erhöht würden.

Optimistisch hinsichtlich der Börsenentwicklung ist auch die Geschäftsleitung der Union-Investment-GmbH, zu deren Gesellschafterbanken ebenfalls eine Reihe von Privatbanken, daneben aber auch die Volksbanken und Raiffeisen-Kassen zählen. Einige ausländische Banken gehören gleichfalls zum Gesellschafterkreis, was sich insofern für den Absatz der Zertifikate günstig ausgewirkt hat, als ein großer Teil im Ausland placiert werdenkonnte. (Dagegen legt die DWS keinen Wert auf die Placierung im Ausland.) Union-Investment schreibt zur Wirtschafts- und Börsenlage:

"In der zweiten Jahreshälfte 1964 wird sich die Wachstumsrate des Bruttosozialprodukts noch verstärken, denn die Investitionsneigung ist unvermindert stark und auch der private Verbrauch insbesondere zu Weihnachten wird auf Grund der verbesserten Einkommenslage – trotz hoher Sparneigung – zusätzliche Impulse für den Konjunkturaufschwung liefern. Wahrscheinlich wird 1964 sowohl in der Umsatzzunahme als auch in der Gewinnentwicklung im Unternehmensbereich ein sehr gutes Jahr Verden. Wegen der verbesserten Gewinnsituation ist heute das Kursgewinnverhältnis bei vielen Werten im Vergleich zu den USA relativ niedrig, so daß deutsche Aktien mit Ausnahme der stärker gestiegenen Stahlwerke und der spekulativ beeinflußten Erdgaswerte gegenwärtig eher unterbewertet erscheinen, zumal die Gewinne 1964 nach neuesten Schätzungen um mehr als 10 Prozent steigen dürften. Für Dividendenerhöhungen wäre damit ein größerer Spielraum gegeben als in früheren Jahren."