Auf der Prominententribüne am Roten Platz, vor der die Parade zum 47. Jahrestag der Oktoberrevolution abrollte, stand auf dem Ehrenplatz zwischen Parteichef Breshnew und Regierungschef Kossygin der Gast aus Peking: Ministerpräsident Tschu En-lai.

Tschu war zum erstenmal seit drei Jahren wieder in der Sowjetunion. Bei seinem letzten Besuch im Oktober 1961 hatte er den 22. Parteitag unter Protest verlassen und damit vor aller Welt den Bruch zwischen Peking und Moskau dokumentiert. Diesmal nahm er den Platz ein, der bei früheren Paraden Nikita Chruschtschow zustand, dem Hauptwidersacher der Chinesen.

Chruschtschow ist gestürzt; aber ist damit das Haupthindernis für die Aussöhnung zwischen Moskau und Peking beseitigt? Hat Pekings Oberbürgermeister recht, der meinte, nun habe es sich erwiesen, daß jene, die einen Keil zwischen die Sowjetunion und China treiben wollten, nur "eilige Passanten der Geschichte" gewesen seien? Folgende Anzeichen für die Verbesserung der chinesisch-sowjetischen Beziehungen wurden bemerkt:

  • Der Besuch Tschu En-lais in Moskau.
  • Die betont freundliche Behandlung der Chinesen in Moskau: Jegliche öffentliche Polemik wurde vermieden.
  • Die Rede Marschall Malinowskis, der zum unablässigen Kampf gegen die Imperialisten aufrief. Sein Vokabular schien unmittelbar dem Sprachschatz der Chinesen entnommen zu sein.
  • Der Vorschlag Tschu En-lais, Vertreter der sowjetischen Parteiführung sollten zu Besprechungen nach Peking kommen. Termin: Voraussichtlich zu Beginn des nächsten Jahres.

Trotzdem scheinen zwischen den Chinesen und den Sowjets weiter grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten zu bestehen. Für diese These sprechen folgende Beobachtungen in Moskau:

  • Tschu besuchte das Grab Stalins – eine unmißverständliche Kritik an der Politik der Entstalinisierung, von der auch Chruschtschows Nachfolger bisher nicht abgerückt sind.
  • Breshnew bekräftigte die außenpolitischen Grundsätze Chruschtschows, die von den Chinesen besonders stark attackiert wurden. "Die Sowjetunion wird weiter die Politik der friedlichen Koexistenz verfolgen" erklärte der sowjetische Parteichef, "sie ist im Interesse des Friedens bereit, die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen weiterzuentwickeln."
  • Als Marschall Malinowski beim traditionellen Empfang im Kreml wieder gegen die amerikanischen Imperialisten wetterte, versuchte Ministerpräsident Kossygin den amerikanischen Botschafter Foy D. Kohler zu besänftigen. Malinowskis Rede wurde in der Prawda nicht abgedruckt.

Inzwischen sind die Delegationen der kommunistischen Parteien, die in Moskau die Gründe für Chruschtschows Sturz erfahren wollten, wieder zurückgekehrt. Besonders unzufrieden sind die Italiener. KP-Chef Longo meinte, die ganze Affäre mache deutlich, daß die Sowjetunion ihre stalinistische Vergangenheit immer noch nicht ganz überwunden habe; dies "schadet der Autorität der sowjetischen KP in der internationalen kommunistischen Bewegung".