Köln

Alle zwei Wochen montags tagen jetzt die Literaten im Hotel "zur Timp" (zu deutsch: "im Zipfel"), einem jener handtuchschmalen Häuser am Kölner Heumarkt, die man nach dem Kriege wieder im traditionellen Altstadtlook errichtet hat.

Im Speisesaal oben sitzen die Herren vom Vorstand am langen, weißgedeckten Tisch, ringsum die Prüflinge des Abends, deren Vortrag angehört und sachkundig beurteilt werden soll. Es sind an die zwanzig wohlgekleidete Herren in blütenweißen Hemden und dunklen Anzügen mit Brillantinescheiteln und blankgewichsten Schuhen.

Etwas Befangenheit liegt über dem Raum, betont sachlicher Ernst, feierliche Erwartung. Auch – man braucht sich dessen nicht zu schämen – Lampenfieber. Am ersten Tisch rechts kippt bereits das zweite Bierglas um. "Die sinn fitüh", lächelt der kleine alte Herr mit der Brille, "Frollein, schreibense se auf die Rechnung." – "Soll ja Glück bringen", tröstet sein Nachbar.

Punkt acht erhebt sich der Vorsitzende, Oberliterat Dachdeckermeister Hanns Göbbels. Spricht ein paar gemessene Begrüßungsworte, bittet den ersten in die Mitte: "Ruhe und Aufmerksamkeit für Herrn B., den Prologus, bitte!"

Ein Herr im Smoking, Figur wie Curd Jürgens, rückt dieFliege zurecht, tritt räuspernd vor.

"Alaaf ihr Jecken, Alaaf ihr liebe Lück...", dröhnt er ins Sälchen, breitet die Arme, als Sollte er die ganze Welt umarmen. "Fastelovend muß mer in Kölle erleben ... was solle mer mit all der Freude maache? Die Lück, die wolle doch allemol laache..." Er blickt siegesgewiß in die Runde – kein Muskel verzieht sich am Vorstandstisch. Der Prologus beschwört die "Imis", die imitierten, die zugereisten Kölner, die Omas (obgleich außer zwei schüchternen Mädchen keine Dame den Raum ziert), den unvergeßlichen Willi Ostermann und die verewigte Grete Fluß, die "jetzt met de Engelschen Ajujah singen ...". Da Unterbricht ihn Meister Göbbels höflich. "Gehen Sie mal die paar Stufen hinauf. Sie müssen langsam ’reinkommen und sich dann verbreitern. Sünne so jut un duht dat!" Folgsam beginnt Herr B. zum zweitenmal. Als er geendet, schleppt er einen Koffer in die Saalmitte, zeigt sein Kostüm: schwarzer Anzug mit bunten Flicken, schwarzgelber Zylinder. Dann wischt er sich den Schweiß von der Stirn.