Kein Zweifel: Der Fachhandel hat in den letzten Jahren an Einfluß und an Marktanteil verloren. Seine Konkurrenz – Waren- und Kaufhäuser, Filialbetriebe, Versandhäuser, Discounter, Selbstbedienungsläden und Supermärkte – haben an Zahl und Gewicht zugenommen und auch in den Augen der Verbraucher an Bedeutung gewonnen.

Heute führen die Kauf-, Waren- und Versandhäuser praktisch alles: Textilien, Stapel- und Markenware, Bett- und Tischwäsche, Hand- und Geschirrtücher, Weißwaren, Konfektion für Damen, Herren, Jungen und Mädchen, Damen- und Herren-Unterwäsche, Strümpfe, Schuhe. Außerdem die sogenannten Hartwaren, Küchenartikel, Bestecke, Geschirr, Porzellan, sämtliche technischen Hausgeräte, Öfen, Herde, Kühlschränke, Waschmaschinen, Photo, Film, Camping- und Sportartikel, Spielwaren, Einrichtungsgegenstände, Schreibmaschinen, Radio-, Phono- und Fernsehgeräte, Diktier- und Tonbandgeräte. Ja, – Reisen mit Schiff, Bahn oder Flugzeug, Fertighäuser und sogar Versicherungen kann man dort erwerben, buchen, abschließen.

Wenn man vor Jahren sagte, daß die großen amerikanischen Gesellschaften von der Art von Sears, Roebuck & Co. oder Montgomery, Ward & Cie. praktisch alles liefern, was der Mensch von der Wiege bis zur Bahre braucht, so stehen die deutschen Firmen heute nicht mehr zurück. Diese geschickte Sortimentspolitik hat reiche Früchte getragen. Bekannte Markenartikel aller Warengattungen haben mit bewirkt, die Kaufhäuser, Versandhäuser, Warenhäuser salonfähig zu machen. Mit berechtigtem Stolz können sie heute darauf hinweisen, daß über die Hälfte ihrer ständigen Kunden zu den mittleren und gehobenen Einkommenbeziehern zählen.

Wenn ein bekannter Wirtschaftspublizist sein Buch, in dem er neue Entwicklungen schilderte, "Der Handel geht neue Wege" betitelt, so kann man heute ebenso berechtigt sagen: Die Ware geht neue, andere Wege, Wege, die man noch vor einem Jahrzehnt in Deutschland kaum für vorstellbar gehalten hätte.

Kann es bei dieser Sachlage verwundern, daß der traditionelle Fachhandel, im Familienbesitz mit beschränkten finanziellen Mitteln ausgestattet und nicht zuletzt dadurch mit begrenzten Entfaltungsmöglichkeiten, um seine Zukunft bangt und eine Beschneidung seiner Existenzmöglichkeiten durch die weitere Ausdehnung der Konkurrenzfirmen befürchtet?

Wie ist es zu diesem Strukturwandel gekommen? Worauf ist der Ausbau der schon bekannten, der Aufbau der erwähnten neuen Handelsformen in so kurzer Zeit und in einem Umfang zurückzuführen, der naturnotwendig mehr oder weniger stark zu Lasten des alteingesessenen Fachhandels gehen mußte? Liegt die Verantwortung bei der wirtschaftlichen strukturellen Entwicklung im allgemeinen, liegt sie bei unserer Wirtschaftspolitik oder trägt der Fachhandel selbst "Schuld" daran?

Die Zahl der Händler hat sich im Schutze der Gewerbefreiheit unverkennbar vergrößert. Vertreter und reisende Verkäufer, natürlich auch andere Kaufleute, machen sich selbständig, gründen Großhandlungen. Bereits bestehende Einzelhändler gliedern ihrem Geschäft eine Großhandelsabteilung an, Großhändler betätigen sich, offen oder getarnt, nebenbei als Einzelhändler. Sogar Behördenangestellte wie der Bonner "Preis-Pilot", sehen es als ihre volkswirtschaftliche Aufgabe an, ihre Kollegen zu Vorzugsbedingungen mit den verschiedensten Waren zu versorgen.