Von Hans-Adolf Jacobsen

Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik 1918–1945. Aus dem Archiv des Deutschen Auswärtigen Amtes, Serie D 1937–1945, Bd. VIII (783 S.), Bd. IX (614 S.), Bd. X (529 S.), P. Keppler Verlag, Baden-Baden–Frankfurt.

Im Jahre 1956 erschien der Band VII (August bis September 1939) der deutschen Ausgabe der Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik aus der Serie D (1937 bis 1945), zugleich der letzte und wichtigste zur unmittelbaren Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Mit den Bänden I bis VII hatte damit die internationale Herausgeberkommission, die 1946 ihre Arbeit aufgenommen hatte, die wohl bedeutsamste Grundlage zur Erforschung der deutschen Außenpolitik in den Vorkriegsjahren geschaffen. Inzwischen aber hatten die Editoren in London und Washington bereits den Band IV 1940) der englischen Übersetzung der Öffentlichkeit übergeben; bis 1964 konnten sie sogar Band X bis XII (bis zum 22. Juni 1941) herausbringen. Jedoch ließ die Fortsetzung der deutschen Ausgabe lange auf sich warten.

Erst nachdem im Dezember 1960 eine neue Kommission gebildet worden war, der H. Rothfels, M. Beaumont (Frankreich), H. M. Smyth (Vereinigte Staaten) A. Bullock (Großbritannien) und seit Januar 1963 R. A. Wheatley (Großbritannien) angehören, konnte die Publikationsreihe fortgeführt werden. Ihrer Initiative, vor allem aber der überaus sachkundigen Arbeit von Fritz Epstein, der sich durch seine Forschungen zur Geschichte Osteuropas einen Namen gemacht hat und heute an der Indiana-University Bloomingten) lehrt, haben wir es zu verdanken, daß nach fünfjähriger Unterbrechung diese Reihe endlich fortgesetzt wird. Sie wird heute von V. Kroll im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, Bonn, betreut.

Den Wert und die Bedeutung dieser Aktenedition hat die Wissenschaft im In- und Ausland schon seit langem gebührend gewürdigt. Dabei hat sie ganz besonders das Bestreben der Herausgeber anerkannt, aus der Vielzahl der vorhandenen Dokumente das Typische und Wesentliche nach objektiven Maßstäben herauszusuchen und ohne Kommentar, lediglich durch erläuternde Fußnoten ergänzt, abzudrucken. So ist eine im ganzen wirklich vorbildliche Edition entstanden, auf die jeder zurückgreifen muß, der über die außenpolitische Entwicklung in der jüngsten deutschen Geschichte arbeiten will oder über sie Aufklärung zu haben wünscht.

Die vorliegenden Bände VIII, IX und X, die wie die vorhergehenden chronologisch aufgebaut sind – eine Übersicht nach regionalen Gesichtspunkten bieten die Regesten – umfassen den Zeitraum vom 4. September 1939 bis zum 31. August 1940; ein genaues Verzeichnis der Aktenbände und sorgfältig gearbeitete Personenregister erleichtern ihre Nachprüfung und Benutzung.

In den hier veröffentlichten Dokumenten spiegelt sich ebenso die Zeit des "drôle de guerre", der deutschen "Blitzsiege" in Polen, Norwegen und im Westen, wie die der sich daran anschließenden Suche nach einer neuen "Friedensordnung" in Europa. Aus so mancher Zeile spricht das wachsende Selbstvertrauen und nach den bangen Wochen im August und September 1939 eine unverkennbare Siegeszuversicht, als ob es allein von der deutschen Politik und ihren Waffen abhängen werde, wann und unter welchen Vorzeichen ein "befriedetes" Europa geschaffen werden könne. Von einzelnen Statistiken und Noten zu den Wirtschaftsbeziehungen, verschiedenen Stimmungs- und Lageberichten der deutschen Botschaften (oder Vertretungen) in der Welt und militärischen Weigerungen abgesehen, bleiben die mannigfachen Zeugnisse zur Außenpolitik allerdings vielfach an der Oberfläche des Geschehens. Meist wirkt die Szenerie unecht und vordergründig. Gerade bei den entscheidenden Fragen – welches Ziel verfolgt das Dritte Reich nun wirklich? – empfindet der kritische Leser die Aussagen als Ausdruck einer totalitär gelenkten, reglementierten Außenpolitik. Nichts oder nur wenig ist von den Schattierungen in der Auffassung, von den retardierenden und oppositionellen Kräften zu spüren, die vorhanden oder wirksam gewesen sind. Jeder wird daher guttun, die Dokumente mit der gebotenen Zurückhaltung und mit einer kritischen Sonde zu lesen.