Von Wolfgang Paul

Noch im Flugzeug, kurz nach Belgrad, als sich die Nacht auf die Schatten der Gebirge warf, verriet die junge Frau mit dem halbjährigen Kind im Arm, daß sie aus Düsseldorf gekommen war, um am Schwarzen Meer ihr Kind den Großeltern vorzuzeigen, die in Sachsen leben. Dort, in Bulgarien, werde sich wiedervereinigen, was getrennt sein müsse, und die junge Frau glaubte daran wie an die pünktliche Landung der österreichischen Linienmaschine in Sofia. Es war in diesem Sommer die einzige Chance, die wir hatten, uns im fremden Land aus Ost und West zu treffen.

Es waren einige Hundert wie wir, die zum schattigen Meer wollten und in die deutsche Unterwelt, die sich hier gebildet haben mußte – nicht jene des Verbrechens, der Halbseide, sondern diese der Unterwanderung der politischen Einfalt, des gesamtdeutschen Geschwätzes, der propagandistischen Verzerrung, von der so viele ihre Nahrung und ihren Dünkel beziehen, den Hochmut auch, den wir Westdeutschen lässig übergezogen haben wie eine Kapuze gegen die Wirklichkeit, die uns mit Unwettern bewirft.

Auf dem Flugplatz von Sofia verloren wir Frau und Kind aus Düsseldorf aus den Augen; sie nahm Balkantourist an sich, jene "Republik" innerhalb Bulgariens, die für die Bedürfnisse des Fremdenverkehrs eingerichtet wurde, eine sehr freiheitliche Republik, die jedem fast alles erlaubt, der aus dem Westen kommt, und denen aus dem Osten manches, was sie zu Hause nicht kennen.

Am Zoll trafen wir überraschend einen Berliner Autor. Wir fanden auch um Mitternacht noch ein Hotelzimmer in der überfüllten Hauptstadt, die uns mit öden Straßen empfing, auf denen Raumpflegerinnen in weißen Kitteln sprengten, obwohl es noch regnete. War doch nun auch das Werbefernsehen in Bulgarien eingebrochen aus dem Rheinland und drehte 15 Kurzfilme, Folklore und Urlaubermilieu. Fast waren wir zu Hause, obwohl Westberlin hinter dem Horizont lag und unser behelfsmäßiger Personalausweis sich dürftig genug ausnahm unter den stolzen Reisepässen bei der Paßkontrolle, die für alle ohne Visa gekommenen Bundesbürger sofort das Visum bereithielt.

Nun genossen wir die leeren nächtlichen Straßen, die Zierlichkeit des Zarenschlosses gegenüber dem Dimitroff-Mausoleum und in der Nähe des kalten Monumentalbaues für die hiesige kommunistische Parteileitung. Vor Dimitroffs Totenhaus, im Neonlicht, hielten zwei Leibgardisten Wache, die, Uniform so ähnlich früheren preußischen – das Haus Sachsen-Koburg-Gotha hinterließ auch für den toten bulgarischen Nationalhelden Dimitroff, uns Deutschen vom Leipziger Reichstagsbrandstifterprozeß bekannt, Spuren ...

Das Restaurant Berlin war überfüllt von Sachsen, die beim Radeberger Pilsner saßen, Luxus-Exportabfüllung, in Dresden nicht erhältlich. Der einzige freie Tisch stand unter dem Photo Walter Ulbrichts; als wir dort Platz nahmen, staunten die jungen Sachsen am Nebentisch, aber wir fanden diesen Platz fast so exotisch wie die Kamelhocker im Nachtlokal in der Wüste hinter den Pyramiden von Gizeh.