Im Osten viel Neues

Von Otto F. Beer

Vielleicht wird sich aus der zeitlichen Distanz von, sagen wir, dreihundert Jahren herausstellen, daß einer der originellsten Denker unserer Zeit der heute nur einem engen Clan bekannte Daisetz Teitaro Suzuki gewesen ist. Man wird sich vielleicht darüber wundern, daß der hochbetagte Japaner in Kalifornien gerade zur Zeit der Kernspaltung und der ersten primitiven Erdsatelliten gelebt hat.

Suzuki, die höchste Autorität für die Lehre des Zen, ist ein ungemein schreibeifriger Mann. Soeben begegnet er uns aufs neue in dem Band

Erich Fromm / Daisetz Teitaro Suzuki / Richard de Martino: "Zen-Buddhismus und Psychoanalyse"; Szczesny Verlag, München; 224 S., 16,80 DM.

Eine Arbeitstagung, die 1957 in Cuernavaca (Mexiko) der Klärung des Verhältnisses von Zen und Psychoanalyse gewidmet war, findet hier ihren Niederschlag. Um es genau zu sagen: Fromm und de Martino werden, dabei von Suzuki sanft, aber bestimmt an die Wand gedrückt. Das Unbewußte, von dem Freud spricht, und die Leere, in deren Mittelpunkt Zen das Erlebnis des Seins ansiedelt, sind recht weit voneinander entfernt, und man gewinnt den Eindruck, bei jener mexikanischen Arbeitstagung habe jeder nur das Seine geredet und das Brückenschlagen sei vergessen worden.

Fromm gab bei diesem Anlaß eine recht anfechtbare Deutung der Freudschen Lehre, bei der er die das Seelenleben korrigierende Macht eines sozialen Filters recht beträchtlich überschätzt und ihr Wirkungen zuschreibt, die Freud wohl dem Über-Ich, der in die eigene Psyche übernommenen Projektion der Vaterfigur, zugeschrieben hätte.

Wenn sich also von hier aus nicht viele neue Aspekte auf Zen ergeben, so trägt doch Suzuki seine These mit faszinierender Bildkraft vor. Da zitiert er etwa jenen berühmten Brief des Schwertkämpfers Takuan, der dem Schüler Unterweisung gibt, wie er im Kampf alle technische Fertigkeit zu vergessen, mit entleertem Sinn dem Gegner gegenüberzustehen habe und seine Waffe vom reglosen Unbewußten her lenken lassen müsse. Anderswo spricht Suzuki vom Ich als einem "Kreis ohne Mittelpunkt" – ein für Abendländer ungewohntes Bild. Dieses Ich, das "sich von innen kennt und niemals von außen", ist gewiß nicht leicht mit dem Ich Freuds auf einen Nenner zu bringen. Mit Hilfe der rätselhaften, den Intellekt überspringenden japanischen Koans versucht die Zenpraxis (wie Suzuki es ausdrückt) jenseits unserer Psychologie, "das ontologische Unbewußte anzuzapfen". Er erblickt hier "das Nullreservoir unendlicher Möglichkeiten".

Im Osten viel Neues

Die literarische Auseinandersetzung mit der Rätselwelt des Zen hat auch bei uns neuerdings hohe Wellen geschlagen, und schon ist das Stichwort "Zen-Snobismus" gefallen; es erscheint im Untertitel des Bandes

Ernst Benz: "Zen in westlicher Sicht"; Otto Wilhelm Barth Verlag, Weilheim/Obb.; 301 S., 7,80 DM.

Wie zwei andere Bände dieses gedankenreichen Kirchenhistorikers der Marburger Universität –

Ernst Benz: "Asiatische Begegnungen"; Eugen Diederichs-Verlag, Düsseldorf; 301 S., 19,80 DM

Ernst Benz: "Buddhas Wiederkehr"; Nymphenburger Verlagshandlung, München; 276 S., 16,80 DM

ist auch dieses Buch der Niederschlag eines Studienaufenthalts in Ostasien. Was uns als philosophisches System beschäftigt, gewinnt einen anderen Aspekt, wenn der reisende Kirchenhistoriker die Volksreligion des Buddhismus an Ort und Stelle studiert und feststellt, daß sie gerade im Ausstrahlungsgebiet des Kommunismus einen Regenerationsprozeß durchmacht, von der chinesischen Volksrepublik Förderung genießt und an Boden gewinnt. Dies das Thema von "Buddhas Wiederkehr".

In den "Asiatischen Begegnungen" werden die Themen pointillistischer angefaßt. Nicht nur um die heutige Lebenssphäre Japans und Indiens ist es Benz hier zu tun, sondern auch um die Darstellung so traditionsgebundener Komplexe wie etwa der No-Spiele aus lebendiger Anschauung. Eine hieratisch-strenge Ordnung schreibt hier dem Schauspieler die Bedeutung jedes Schrittes, jeder Geste vor. Und doch wird dieses starre Zeremoniell von innen her durchpulst, durch jene gezielte Intuition, die der japanische Zen jedem Künstler gibt – dem Schauspieler wie dem erwähnten "Schwertkünstler" oder dem Tuschemaler. Kunstübung geht hier einen Weg, der weit von dem unseren abliegt – oder doch wieder nicht ganz so weit, wie sich hinterher beim Studium fernöstlicher Quellen herausstellt.

Im Osten viel Neues

In dem kleinen Buch "Zen in westlicher Sicht" warnt der Japanreisende Benz davor, die geistige Erfahrung des Ostens gleichsam als einen Bestandteil des sightseeing, als einen "Hauch von Zen" mitzunehmen; er beruft sich dabei auf Ruth Fuller Sazaki, die das "First Zen Institute of America in Japan" leitet und offenbar mit zenlüsternen Touristen ihre schlimmen Erfahrungen gemacht hat. Er hat während seines Studienaufenthaltes im Fernen Osten die strengen Praktiken kennen gelernt, die der charakteristischen Weltsicht des Zen vorherzugehen haben. Ob sich das, was in jahrelanger Disziplin erarbeitet werden muß, für einen Europäer auch mühelos erreichen läßt? Benz glaubt es nicht; er warnt vor der Verwestlichung des Zen, vor snobistischer Aneignung einer Bilderwelt, die sich dem Europäer nur schwer erschließt. Doch bezieht er andererseits auch Front gegen intellektuelle Asienreisende wie Koestler, die auf Grund recht äußerlicher Eindrücke urteilen, "daß weder Yoga, Zen noch eine andere Form des asiatischen Mystizismus der Welt einen Ausweg weisen kann". Er vergleicht Koestlers apodiktisches Urteil mit der Meinung eines durchaus Unmusikalischen, der einem Symphoniekonzert beigewohnt hat und all den Lärm, all die Hantierungen an den Instrumenten für puren Humbug erklärt, mit dem man ahnungslosen Schwärmern das Geld aus der Tasche ziehe.

Ein japanischer Zeuge ist nicht ganz so sicher, daß Zen, in kleinen Dosen genossen, nicht doch imstande sein sollte, dem Denken oder der inspirativen Tätigkeit auch des westlichen Menschen zugute zu kommen. Es ist Sessue Hayakawa, berühmter Schauspieler, der Darsteller des japanischen Obersten in dem Film "Die Brücke am Kwai" sowie so ziemlich aller gelbhäutigen Charaktere, die in den letzten Dezennien auf Amerikas Bühne zu sehen waren. Seine Autobiographie

Sessue Hayakawa: "Der Sohn des Samurai"; Henry Goverts Verlag. Stuttgart; 209 S., 19,80 DM

ist ungewöhnlich fesselnd geschrieben. Der Sohn einer alten japanischen Familie, durch einen Unfall von der vorgesehenen Offizierslaufbahn ausgeschlossen, hat wohl einst in einem einsamen Tempel einige Meditationsübungen gemacht, war aber doch nicht eigentlich ein geschulter Mönch, als er in die USA ging und dort als Schauspieler seine ersten Erfolge errang. Er schildert gleichwohl, wie ihm die Konzentration auf das Nichts geholfen hat, in fremde Gestalten hineinzuschlüpfen, sich mit seiner Rolle zu identifizieren, mit der Figur eins zu werden. Wie die künstlerische Intuition aus dieser Versenkung ersteht und die packendsten schauspielerischen Leistungen seines Lebens aus dieser meditativ geschulten Stille hervorwuchsen, das ist ungemein packend zu lesen.

Wieder einmal zeigt sich, daß für den westlichen Menschen der Zugang zur schwierigen, paradoxen und antiintellektuellen Welt des Zen auf philosophischem Gebiet viel dorniger ist als in der Kunst, wo die Tiefen der Intuition unmittelbarer zu uns sprechen: in der Tuschemalerei, im Film, in der Verwandlungskunst eines großen Schauspielers.