RH, Hamburg

Von der Natur trennen den Menschen Asphalt und Autoreifen", meinte der Festredner. "Ehrfurcht vor der Natur ist durch Machthunger und Geltungsbedürfnis abgelöst worden. Der Jäger aber ist selbst ein Stück Natur."

Die Teilnehmer an der Großen Hamburger Hubertusfeier in der Musikhalle unter dem Protektorat des Bundestagspräsidenten D. Dr. Eugen Gerstenmaier brauchten sich von diesem Kulturpessimismus des Heidelberger Landgerichtspräsidenten Eckert nicht bedrücken zu lassen. Denn einen ganzen Trupp Natur, rüstige Jäger, Bauern und Bauernjungen offensichtlich, hatten sie vor Augen. Auf dem Podium, wo sonst befrackte Musiker sitzen, waren sie aufmarschiert, die Repräsentations-Bläserkorps der Landesjagdverbände. Sie bliesen deutsche Jagdsignale, und drei stramme Maiden unter ihnen standen dabei auch ihren Mann.

Uneingeweihte Leute, die es fertig bringen, einen Hirsch als Tier zu bezeichnen, deren Vorstellungen vom Jagen aus alten Stichen mit dem Titel "Jagdfreuden" kommen, hatten schon bei den ersten Signalen Vorahnungen. Es wurde so ernst, so starren Blickes geblasen, daß es sich nur um Höheres, um Pflicht und Haltung, um Zucht, Ordnung, Disziplin handeln mußte. Lustiges Jagen. und Jagdfreuden gehörten sie ins Reich des Gedruckten?

Da traten die "Sonneurs" auf, La Saint Hubert de Strasbourg, Parforce-Bläser mit roten Tuchmänteln, schwarzen Samtmützen, blankem Messing und bliesen eine Jagdfanfare. Und plötzlich sah es nicht nur aus wie "Jagdfreuden" – es klang auch so. Der durch Asphalt und Autoreifen von der Natur Getrennte erkannte, daß die Jägerei doch vielleicht lustig ist, wenn schöne Jäger so hübsch Fanfare blasen. Und jedesmal, wenn die Rotröcke an die Reihe kamen – immerhin ertönten sechsmal ihre Jagdsignale – freute er sich. Wie fürsorglich diese Einlagen von den Gastgebern eingebaut worden waren, konnte der Gast so recht erst nach zwei langen Feierstunden ermessen.

Der deutsche Mensch tut, was ihn freut, auf dem Umwege der Pflichterfüllung. Der deutsche Jäger jagt nicht, weil die Jagd es ihm erlaubt, atavistische Triebe legal zu entladen, nicht um zu schießen, zu treffen, zu erlegen, zu besiegen, nicht um sich in frischer Luft, im grünen Wald zu tummeln. Der deutsche Jäger jagt "aus warmherziger Liebe zur Natur und um im Geschöpf den Schöpfer zu verehren". Er ist "gezwungen, sich der Hege mit der Büchse nicht zu entziehen. Er steht in diesem Kampf, in seiner großen Verantwortung zwischen Liebe und Härte zugleich". Das erfuhr der entartete Asphalttreter.

Was würde wohl aus uns allen, wenn alle so wenig pflichtbewußt wären, wie die meisten? Zum Glück gibt es die deutschen Jäger, die für uns "kämpfen", "unbezahlte Diener", die der Staat braucht. Mit Idealismus und Büchse gehen sie auf den Pirschpfad und verachtet sei, wer ihnen unterstellt, sie täten es mit Lust. Die Jagd ist das saure Brot jener, die für uns alle auf ihren Sonntag verzichten. Jagd geht vor Eigennutz.