Es ist ein weiter Weg von der Gewissensnot zum Bekennermut. Heinrich Jagusch, einer der angesehensten Juristen der Bundesrepublik, Präsident des 4. Strafsenats am Bundesgerichtshof, ist diesen Weg gegangen, nicht ohne zu straucheln. Er hatte unter dem Pseudonym Judex zwei Artikel veröffentlicht, in denen er die Rechtsgrundlage des Spiegel-Falles in Zweifel zog und dem Bundesgerichtshof nahelegte, das Hauptverfahren gar nicht erst zu eröffnen. Er schrieb diese Artikel für den Spiegel.

Jagusch hatte zunächst abgestritten, daß er der Autor sei, und auch dem Chefpräsidenten des Bundesgerichtshofes, Bruno Heusinger, versichert, er sei "weder der Verfasser noch der Veranlasser der Artikel". Dieses Dementi ließ sich nicht aufrechterhalten. Jagusch teilte Heusinger schließlich mit, er habe die Aufsätze geschrieben – "in innerem Konflikt und in tiefster Sorge um das öffentliche Wohl". Am selben Tag bat Jagusch um seine Pensionierung – aus Gesundheitsgründen.

Es entspricht nicht dem Standesethos der Juristen, daß Jagusch, der selber mit dem Spiegel-Prozeß zu tun hatte, auf diese Weise in ein schwebendes Verfahren eingriff, und auch juristische Laien hätten es lieber gesehen, wenn er den Umweg über Pseudonym und Dementi nicht gewählt hätte. Tatsache aber bleibt auch: Er hat versucht, der Freiheit des Staatsbürgers eine Gasse zu bahnen.

Dasselbe läßt sich von einem anderen prominenten Juristen nicht behaupten. Der frühere Generalbundesanwalt und jetzige CDU-Bundestagsabgeordnete Max Gilde schlug vor, den Spiegel-Prozeß, sollte er notwendig werden, erst nach den Bundestagswahlen stattfinden zu lassen – zum Nutzen der Angeklagten. Ein Termin während des Wahlkampfes sei für die Justiz ebenso ungünstig wie für die Politik. Wie lange aber sollen die Angeklagten und auch die Bundesbürger eigentlich noch warten, bis Recht gesprochen wird? Der Spiegel-Fall ist sicherlich ein Politikum. Um so schädlicher ist es, ihn im Zwielicht der Vermutungen und Verdächtigungen zu lassen. Dies scheint Güde freilich nicht zu stören; Jagusch dagegen hat immerhin den Versuch gemacht, Klarheit zu schaffen. R. Z.