Washington, im November

Als Lyndon Johnson am Tag nach der Präsidentenwahl auf der Ranch in Texas mit dem neugewählten Vizepräsidenten Humphrey seinen Sieg feierte, zeigte er seinen Gästen hoch zu Roß, wie ein gewandter Reiter einen Stier von der Herde abdrängt und ins Gehege treibt. Das Kunststück war recht danach angetan, die Stimmung des vom Volk mit so gewaltiger Mehrheit auf vier Jahre bestätigten amerikanischen Präsidenten zu illustrieren: Johnson sitzt sicher im Sattel und ist bei Laune, einige Parforcetouren vorzulegen, aber mit dem Geschick der Dressur, nicht mit der Brachialgewalt von Lasso und Pistole.

Seine Siegesstimmung war noch nicht verflogen, als aus Paris die Berichte von der Rede des französischen Ministerpräsidenten Pompidou vorlagen, der zu entnehmen war, daß Frankreich das MLF-Projekt jetzt als Bedrohung seiner Interessen ansieht und eine Revision des Atlantikpakt-Vertrages für wünschenswert hält. Das führte Johnson vor Augen, wie dringlich der Komplex der amerikanisch-europäischen Beziehungen – neben der Wiederaufnahme des Gespräches mit Moskau – seines Eingreifens bedarf.

Das Grollen in Paris war nun allerdings das letzte, was Johnson und die amerikanische Regierung aus der Fassung bringen könnte. Es wurde als genau das eingeschätzt, was es ist: als Trick de Gaulles zur Einschüchterung der Bundesregierung und als Ausdruck der nicht eingestandenen Sorge, daß auf den Wogen der MLF die Felle der force de frappe davonschwimmen könnten. Pompidous Rede hat jedenfalls in Washington niemanden eingeschüchtert, aber in sehr maßgeblichen Kreisen die Frage aufgeworfen, wie lange sich die Vereinigten Staaten derartige Erpressungsmanöver noch gefallen lassen sollen. Maßgebliche Leute in Washington versichern, diese Scherze würden nicht mehr lange mitgemacht.

Frankreich hat gegen den MLF-Plan, über den es in allen Phasen der Vorverhandlungen stets in allen Einzelheiten unterrichtet worden ist, bis vor zwei Wochen keine Einwände geäußert und immer wieder betont, es stehe der gemischten Streitmacht und einem Beitritt der Bundesrepublik neutral gegenüber. Auch ist General de Gaulle in den letzten sechs Jahren auf diplomatischem Weg von den Amerikanern wiederholt ermuntert worden, seine Revisionswünsche zum NATO-Vertrag oder zu einer Änderung der atlantischen Atomstrategie vorzubringen. Er hat keine einzige konstruktive Antwort und nicht einmal eine negative gegeben, seitdem sein Vorschlag für ein Dreierdirektorium auf Dränger. Macmillans und des damaligen Bundeskanzlers Adenauer von Washington abgelehnt wurde (ein Vorschlag überdies, der in der NATO gerade jene Ungleichheit verewigen würde, um deren Auflösung sich der französische Staatschef doch angeblich so angestrengt bemüht).

Nach Ansicht amerikanischer Diplomaten hat de Gaulle mittlerweile erkannt, daß seine force de frappe gegen niemanden ausschlägt als gegen die französische Militärstrategie, wohingegen die MLF ein militärisch-politisches Instrument ist, das sich als lebensfähig erweisen werde, wenn es zustande kommt. Daher ließ er Pompidou den Sturm im Wasserglas aufrühren, als zu erkennen war, daß die sonst von ihm bespöttelten Engländer sich mit Modifikationen auf die MLF einlassen wollen und gleichfalls eine Reform der NATO anstreben.

Johnson hat auf die eigenartigen Töne aus Paris reagiert, indem er wissen ließ, weder er noch Humphrey würden vor der Inauguration am 20. Januar nach Europa reisen. Die Rede des demokratischen Abgeordneten Hays, der Mitglied des Außenpolitischen Ausschusses des Repräsentantenhauses ist und der in Straßburg ganz unverblümt auf die Folgen einer Trennung Westeuropas von Amerika hinwies, wurde mit Außenminister Rusk und dem Weißen Haus abgesprochen. George Ball, der stellvertretende Außenminister, wurde in die westeuropäischen Hauptstädte und nach Berlin in Marsch gesetzt, Gerhard Schröder nach Washington eingeladen.

Das alles waren Schritte, die nicht zufällig zeitlich zusammenfielen. Johnsons europäische Generallinie ist sichtbar: mit Frankreich, wenn irgend möglich, und unter Berücksichtigung aller französischen Wünsche für eine NATO-Reform, die auch den anderen Mitgliedern zuträglich erscheint, aber ohne Frankreich, wenn aus Paris lediglich Obstruktion geboten wird. So wichtig die elf Flugplätze und die 16 Depots der amerikanischen Armee in Frankreich sein mögen, so gern die französische Gastfreundschaft für die vielen alliierten Hauptquartiere angenommen – und in harter Währung bezahlt – wird, so wenig ist de Gaulle nach amerikanischer Auffassung für die NATO unerläßlich. Ein Ausscheren würde ja vor allem auch Frankreich isolieren, nicht nur das wehrpolitische Hinterland der Bundesrepublik aushöhlen. Joachim Schwelien