Es gab einmal eine Zeit, da war ein Mann namens Otto in unserem Lande so bekannt wie der Bundeskanzler. Jeder Mann kannte ihn unter dem Namen „Normalverbraucher“. Aber es kam der Tag, an dem die Leute Otto ganz einfach vergaßen. Und das wurmte ihn. Als er in diesen Tagen auf einer Litfaßsäule las, daß in Frankfurt die „IKA“ veranstaltet werde – das ist de offizielle Bezeichnung für die Internationale Kochkunstausstellung – da löste er sich kurzerhand eine Fahrkarte und fuhr in die große Stadt am Main. Er wollte der Sache auf den Grund gehen.

Natürlich nahm kein Mensch von Otto Notiz, als er durch den Fahnenwald der Nationen schritt, die an diesem Festival des guten Geschmacks teilnahmen. Er kam in eine große Halle, in der Musterküchen aufgebaut waren. Darin hantierten fleißige Köche, die es in ihrem Lande zu hohen Ehren gebracht hatten, denn über den Küchen las man, daß sie die „Nationalmannschaften“ waren. Otto, fremder Sprachen unkundig, begab sich zu einem deutschen Pfannenartisten und fragte ihn, was er da koche.

„Ein gutes deutsches Hausmannsgericht“, antwortete ihm der Herr mit der hohen Mütze. „Und wie sieht das aus?“ fragte Otto weiter. Hausgeräucherter Schinken, geröstete Steinpilze in Eihülle, dazu Butterkartöffelchen.“ Otto lief das Wasser im Munde zusammen, solche Hausmannsgerichte waren ihm bisher fremd. Aber auch andere Nationen bereiteten respektable Hausmannskost. Auf ihren Speisekarten offerierten die Norweger gebackene Rentierzunge und Eichfilet, die Israeli Barsch aus dem See Genezareth und Truthahngeschnätzeltes mit Champignons, die Finnen ein Hühnerragout nach Art des Marschalls Mannerheim, die Dänen in Rahm geschmorten Hasen. Otto ging nachdenklich weiter. Vorbei an tausend rotierenden Hähnchen, an attraktiven Nachbildungen berühmter deutscher Speiselokale und Prominenten-Herbergen.

Plötzlich befand er sich auf dieser 11. Internationalen Kochkunstausstellung, die verbunden war mit der 15. Bundesfachschau des Hotel- und Gaststättengewerbes, inmitten vieler vollschlanker Damen. Bevor er noch nach dem Grund des Menschenauflaufs fragen konnte, hatte ihn ein freundliches Mädchen in der schmucken Engadiner Tracht eine Gabel in die Hand gedrückt und ihn aufgefordert, sich des Auflaufes, der in dem Topf schmorte, zu bedienen. „Die Fondue-Garnitur kostet 250 Mark“, sagte die Schöne so ganz nebenbei.

Und weiter schritt er die Parade der gespickten Rehrücken, der in Tellerposen erstarrten Forellen, der Lachsröllchen und Kaviar-Arrangements ab. Die Delikatessen verfolgten ihn auf jedem Quadratmeter. Er verspürte plötzlich eine unvorstellbare Lust nach einem Teller Linsensuppe. Aber er wagte nicht danach zu fragen. Es wäre wohl auch eine Todsünde gewesen.

Doch dann schöpfte er Hoffnung. Er entdeckte einen Stand der deutschen Bundeswehr und träumte von einer Gulaschkanone, von Erbsen mit Speck. In Gedanken schlug er die Hacken zusammen, als er den Feldwebel der Marineversorgungsschule List auf Sylt, die auf diesem Stand nach Nachwuchs für die Unteroffiziers- und Offizierskasinos Ausschau hielten, um Auskunft bat. Der Feldwebel drückte ihm Prospekte in die Hand und Otto erfuhr, daß diese Matrosen für die Zubereitung und Verteilung der Verpflegung an Bord zuständig sind. Als er die in Vitrinen ausgestellten Befähigungsnachweise dieser Laufbahnanwärter in Augenschein nahm, als ihn ein Schmorsteak Esterhazy und gepökelte Lachsforellen, serviert auf Rosenthaltellern anlachten, konnte er sich die Frage nicht verkneifen: „Ist das für den Herrn Admiral zubereitet?“ Der Versorgungsfeldwebel lächelte mit leichtem Kopf schütteln: „Nein, das essen unsere Matrosen. Das wurde in unserer Schule in List vorbereitet.“ Otto ist vor Jahren einmal im Kurgarten in List gewesen. Er erinnerte sich an das Essen, das er dort für viel Geld serviert bekam. Und er konstatierte: Wenn man nach Sylt fährt, dann sollte man Matrose werden.

Wenig später kam Otto an einer Autobahnraststätte vorbei. Hier wurde die „Kraftfahrergerechte Kost“ gezeigt. Otto glaubte, hier noch etwas zu erleben vom einfachen Leben, wie er es kannte, denn er hatte viel davon gehört, daß Kraftfahrer das üppige Essen vermeiden sollen, damit sie nicht müde werden. Die „Deutsche Gesellschaft für Ernährungswissenschaft“ hatte mit ihren Expertisen nicht gegeizt und den Köchen vom Rasthaus Hamburg-Stillhorn mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Und das Festmenü für den Autofahrer sieht also aus: Als Vorspeise nimmt der Automobilist auf großer Fahrt eine Seezunge auf Apfelscheiben, anschließend läßt er sich kalten Puter mit Artischockenherzchen in Soßenrahm servieren, darauf bestellt er gespickten Rehrücken mit Pfifferlingen, dazu einige glasierte Maronen und zum Nachtisch Weingelee und Früchte.