Zum Thema Justizirrtum spricht, nach dem Rechtsanwalt, nun ein Richter; nach Max Hirschbergs "Fehlurteil im Strafprozeß" nun

Judex: "Irrtümer der Strafjustiz" – Eine kriminalistische Untersuchung ihrer Ursachen; Verlag Kriminalistik, Hamburg; 236 S., 18,– DM.

Wenn man dem Klappentext vertrauen darf, ist "Judex" freilich ein Richter ganz besonderer Art – er soll auch Staatsanwalt, Strafverteidiger und Strafvollzugsbeamter gewesen sein und schließlich sogar selber als Opfer eines Justizirrtums anderthalb Jahre unschuldig in Untersuchungshaft gesessen haben. Von einem solchen Autor durfte man eine den anderen weit überlegene, vielleicht gar die endgültige Darstellung des Themas erwarten. Diese Hoffnung ist nicht in Erfüllung gegangen.

Gewiß ist es verdienstlich, wenn ein Mann dieser Erfahrung ausspricht, daß die Zahl der Fehlurteile – in allen Ländern und unter allen Herrschaftsformen – erschreckend hoch ist, und wenn die Fehlerquellen an Hand zahlreicher Beispiele aufgezeigt werden. Man hört von falschen Geständnissen, falschen Zeugen, unfähigen Sachverständigen – und ebenso von unfähigen Gerichten.

Aber während Hirschberg aus all dem eine leidenschaftliche Anklage herleitet, die manchem etwas zu pathetisch klingen mag, erhebt Judex bloß den Zeigefinger, und das ist wiederum etwas zu wenig. Es fehlt die große Perspektive, die dem Thema angemessen wäre; von den persönlichen Erlebnissen des Autors wird kein Wort gesagt; die Kritik wirkt vielfach nur besserwisserisch. Wo er seinen Thesen Nachdruck verleihen will, fallen ihm, im Schutze der Anonymität, nur Kraftworte ein. Da werden andere Meinungen als "Unsinn", "frappierende Dummheit "absolut wertlos" und "kindisch" bezeichnet – wahrlich nicht der Ton eines Weisen. Durch die dauernde Wiederholung des Wortes "töricht" verärgert der Autor seine Leser, selbst wenn er in der Sache recht hat.

Und in vielen Punkten hat er recht. So muß ich ihm zustimmen in der negativen Beurteilung der Laienrichter. Es ist gut, daß dies einmal gesagt wurde: Die Schöffen und Geschworenen sind nicht, was sie sein sollen, ein Bollwerk der Freiheit gegen Herrscherwillkür; die Freiheit ist heute bei den unabhängigen Berufsrichtern besser aufgehoben als bei den sachunkundigen, ziemlich wahllos ausgesuchten Laienbeisitzern. (In anderen Zweigen der Justiz spielen die Laien freilich eine bessere Rolle als gerade in den Strafgerichten.) Selbst in den USA treten prominente Kriminologen für die Abschaffung der Jurys ein. Aber wiederum stört bei "Judex" die übertriebene Schärfe; gerade hier wäre eine ausführliche Auseinandersetzung angebracht gewesen.

Noch manches Anfechtbare findet sich in dieser Schrift – etwa die schon wegen ihrer Kürze unzureichenden Ausführungen über die Todesstrafe, die unbegründeten Ausfälle gegen die Presse ausgerechnet in einem Fall, wo eindeutig das Gericht und die Zeugen versagt haben (Mordsache Burkert).

Halten wir uns statt dessen an einen Kernsatz wie diesen: "Die Strafjustiz sollte kein Tummelplatz für Lückenbüßer, keine Versuchsstation für Richter, deren kriminalistische Kenntnisse allein auf der Lektüre von Krimis beruhen, kein Abstellbahnhof für Nieten und zweitrangige Kräfte, aber auch keine Sinekure für Faulpelze und vorzeitig Verkalkte sein. Da die Strafgerichte tiefer, erbarmungsloser und härter in das Leben der einzelnen eingreifen können und die Allgemeinheit vor größeren Gefahren schützen müssen als irgendein anderes Gericht, sollten nur die besten, die erfahrensten, gebildetsten und die einsichtigsten Richter, vor allem aber die größten Menschenkenner unter ihnen zu Strafrichtern bestimmt werden." Hans Peter Bull