LÜBECK (Overbeck-Gesellschaft):

"HAP Grieshaber"

Angenommen, wir hätten eine Art Seitenfeuer für Künstler, der nach der Zahl ihrer Ausstellungen errechnet würde; dann hätte HAP Grieshaber seit Jahr und Tag die Position des Spitzenreiters. Und das ist um so erstaunlicher, als er noch vor etwa fünf Jahren zwar nicht unbekannt war, aber eben als ein typischer Außenseiter galt, als ein schrulliger Kauz und ein schwäbisches Original, ein von keiner Mode irritierter Sonderling, der sich dem Holzschnitt verschrieben hat, einer undankbaren, künstlerisch begrenzten, anachronistischen Technik, die seit der kurzen Glanzzeit der "Brücke" von geschmeidigeren und interessanteren graphischen Künsten überholt wurde. Jetzt aber ist der schwäbische Holzschneider fast so populär wie sein flämischer Kollege Masereel in den zwanziger Jahren. Nicht nur, daß seine Holzschnitte pausenlos von einer Stadt zur andern weitergehen, oft sind sie sogar gleichzeitig an verschiedenen Stellen zu sehen, die gleichen Blätter oder zumindest doch ähnliche. Lübeck zeigt bis zum 22. November über hundert farbige und Schwarzweiß-Holzschnitte, Essen – im Graphik-Kabinett G. D. Baedeker – eine Auswahl der Farbholzschnitte, bis zum 21. November. Die Lübecker Kollektion reicht von den früher! Blättern aus den dreißiger Jahren bis zum "Osterritt" von 1964, sie wurde von Wieland Schmied zusammengestellt, der sie anschließend an Lübeck in der Kestner-Gesellschaft ausstellen wird. Grieshaber arbeitet 1964 nicht viel anders als vor zehn oder dreißig Jahren, wenn man davon absieht, daß er neuerdings gelegentlich das Format der Blätter ins überdimensionale steigert, es gibt Arbeiten von einem Meter und anderthalb Meter Höhe, seine neueste Holzschnittwand ist elf Meter breit und konnte deshalb in Lübeck nicht aufgestellt werden. Aber Grieshabers Sprache ist unverändert, und dieses Schwäbisch-Mundartliche wird heute, nachdem das globale Kunstesperanto die Künstler, und das Publikum zu enervieren beginnt, als frisch, unverbraucht und belebend empfunden. Außerdem ist Grieshaber trotz seiner skurrilen Gewohnheiten – er haust oben auf der Achalm, in Gemeinschaft mit seltenen Tieren, auch einem Affen, und Pflanzen – keineswegs der schwäbische Biedermann und Idylliker, der von einem verlorenen Arkadien träumt. Seine "Affen" und "Alphabete" sind ein Meisterstück lapidarer Zeitkritik. Im Zyklus der "Baumblüte" von 1963 werden Frühling, Liebe und Banalität von heftigen zupackenden Konturen in die Zange genommen und durch ein System greller Farben enfsüßt und entkitscht. Der "Osterritt", dieses bildschöne Tagebuch eines Reisenden, der nicht per Auto, sondern zu Pferde die Stätten seiner Kindheit aufsucht und rekapituliert, verblüfft durch eine Simplizität, die virtuos gehandhabt wird und sich der Donquijoterie dieses Unternehmens bis zur Selbstpersiflage bewußt bleibt. "Er kannte alles wieder, er erinnerte sich mit subtiler Schärfe daran, was er als Kind empfunden, und wußte plötzlich, was alles davon er in seinem bewußten Leben versteckt und verhüllt hatte". Der Reiter schneidet seine Begegnungen ins Holz, die Landschaft, die Bauern, die Kirchen, die Nonnen im Kloster. Und nachdem er lange genußreich im Barock verweilt hat, floh er das Barock, "floh über die Donau, zu seinem Landrat, zur Gotik". Die Lübecker Ausstellung bringt außer Proben aus dem "Osterritt" seine deftigen Paraphrasen zum "Feuervogel" und die "Dunkle Welt der Tiere", das Triptychon "Afrikanische Passion", dazu Einzelblätter mit teils mythologischen, teils profanen Motiven ("Persephone" – "Motorradfahrer"). Aber Grieshaber ist auch ein aggressiver, ein streitbarer, engagierter Künstler, und diese Seite kommt in der Auswahl etwas zu kurz.

HAMBURG (Dr. Ernst Hauswedell):

"Herbstauktionen"

Es mag ein Zufall sein oder ein Symptom für die derzeitige Situation am deutschen Kunstmarkt; seit vielen Jahren war die Abteilung Moderne Kunst bei Dr. Hauswedell nicht so klein wie diesmal. Dafür gibt es unter den nur 370 Objekten, die am 28. November versteigert werden, Dinge von ungewöhnlichem Rang. Ein so schöner Nolde wie der "Blumengarten A", um 1915 auf der Insel Alsen entstanden und bei Commeter 1916 ausgestellt, ist schon lange nicht auf den Markt gekommen. Der Schätzpreis ist immerhin 120 000 Mark, ein zweites um 1907 zu datierendes Nolde-Bild ist mit 80 000 Mark angesetzt. – In der außereuropäischen Abteilung werden Goldschmuck aus Peru und Ton- und Steinfiguren aus Mexiko angeboten, dazu indische Plastik und die neuerdings besonders geschätzten syrischen Gläser. Die Buchauktion (am 26. und 27. November) beginnt mit einer Bibliothek astronomischer, physikalischer und mathematischer Werke, darunter frühe Drucke von Tycho Brahe und eine auf Pergament gezeichnete Nürnberger Himmelskarte von 1503. g. s.