Von Werner Haftmann

In aller Stille ist eine kleine kunstgeschichtliche Buchreihe zu einem Jubiläum gediehen: Das hundertste Bändchen der von Carl Georg Heise herausgegebenen Werkmonographien zur bildenden Kunst (Reclams Universalbibliothek, Stuttgart) ist in diesen Tagen zur Auslieferung gekommen. Es sind broschierte Oktavbändchen mit 32 Textseiten und 16 sorgfältig gedruckten Abbildungen, deren Preis (1,50 DM) so niedrig ist, daß man fürchten möchte, er könnte der heutigen Wohlstandsgesellschaft zu reizlos erscheinen, um dem schönen Unternehmen Absatz und Rentabilität zu sichern.

Jedes dieser Bändchen behandelt nur ein Kunstwerk hohen Ranges, das in präzisen und oft glänzend geschriebenen Texten beschrieben und in seine historischen und geistesgeschichtlichen Zusammenhänge eingeordnet wird. Zeitgenössische Berichte, Quellentexte, Briefe der Künstler oder ihrer Freunde geben jeweils einige Einblicke in die Umwelt, aus der das Werk entstand.

Was sich im ganzen ergeben soll, ist ein aus einzelnen gesicherten Bausteinen zusammengefügtes Mosaik, eine Kunstgeschichte in Einzeldarstellungen, die allein vom einzelnen Kunstwerk ausgeht und erst aus seiner genauen Analyse die Aussichtspunkte gewinnt, von denen sich dann begründbare Einblicke in die Ordnungszusammenhänge und geistigen Konstellationen des jeweiligen Geschichtsmomentes ergeben können. Das einzelne Kunstwerk wird gesehen als ein in sich abgeschlossener selbständiger Strahlungskern, der erst in seinen Bezügen zu anderen, sich ihm zuordnenden Strahlpunkten auf das Grundmuster hinweist, das dem geistigen Aufbau seiner geschichtlichen Zeit hinterliegt.

Dieser Grundansatz wird in diesen Bändchen in erfreulichster methodischer Breite durchgeführt. Jener zu Beginn der dreißiger Jahre in Gang gekommene und sehr fruchtbare dialektische Prozeß innerhalb der Methodik der Kunstgeschichte – auf der einen Seite die streng ikonographische, auf eine vertiefte kulturgeschichtliche Betrachtungsweise gerichtete Forschung des Gelehrtenkreises um Aby Warburg und seine Hamburger Bibliothek, auf der anderen Seite die eindringliche Analytik formaler Strukturen des Wiener Kreises um die damals von Sedlmayr herausgegebenen "Kunstwissenschaftlichen Forschungen" – diese Dialektik scheint heute zu einer umfassenderen Synthese zu drängen.

Da finden sich ganz hervorragende Untersuchungen zu bisher unerkannten Inhalten einzelner Kunstwerke: Hartlaubs Beschreibung der "Hexenbilder" Baidungs; Schiffs Aufklärung der Inhalte in Füsslis "Sommernachtstraum"; Lankheits tief in die Zeitgeschichte der französischen Revolution hineinleuchtende Erklärung des sonderbaren säkularisierten Andachtsbildes "Der Tod Marats" von J. L. David; Heises Deutung der "Thermopylae" Kokoschkas; Göpels Aufhellung des inhaltlichen Hintergrundes in Beckmanns "Argonauten".

Da finden sich aber auch formkritische Untersuchungen hohen Ranges: Jantzens "Naumburger Stifterfiguren"; Gosebruchs "Gattamelata" von Donatello; Bock von Wülfingens "Verklärung Christi" von Raffael; Imdahls "Gerokreuz im Kölner Dom". Das Aufregende aber ist, daß diese so gegensätzlich erscheinenden methodischen Ansätze allenthalben nach einer Synthese suchen und in dieser ihrerBündelung wieder eine umfassendere Kunstgeschichtsschreibung in Umrissen sichtbar wird, die vielleicht auch wieder der seit Burckhardt verschütteten Kulturgeschichte als Leitfaden dienen könnte. Hier ist eine Unternehmung in Gang gekommen, die leicht als eine der wichtigsten in der deutschen Kunstgeschichtsschreibung nach diesem Kriege erscheinen könnte, weil sie die zerfaserte, heillos im Detail verstrickte Kunstgeschichte wieder auf ihre eigentlichen Gegenstände verweist: die großen Werke der Kunst in ihrer selbständigen Würde und ihrer selbständigen Zeugnisfähigkeit für die Weise, wie der Mensch, sich selbst und seine Wirklichkeit im Wandel der Geschichte verstand.