Von Werner Höfer

Ein Mann kam aus Deutschland, ein Mann, der mit Kunst zu tun hat, der Kunst erwirbt, um sie zu veräußern, dem man Kunst ins Haus trägt, damit er sie unter den Hammer bringe: Dr. Rolf Hanstein. Der Juniorchef eines der ältesten und größten Kunsthäuser des europäischen Kontinents saß an einem Samstagabend in einem New Yorker Hotel und sah einem verlorenen Wochenende entgegen. Da erreichte ihn eine sensationelle Nachricht, die ihm ein sehr lebhaftes Weekend einbrachte. Die Nachricht bestätigte, was als Gerücht schon lange durch Salons und Galerien geisterte: Das britische Kunstauktionshaus Sotheby habe 75 Prozent der Aktien seines größten amerikanischen Konkurrenten Parke-Bernet übernommen.

Dieses Ereignis gab Rolf Hanstein vom Kölner Auktionshaus Lempertz den letzten Anstoß, einen wohlbedachten und sorgfältig besprochenen Plan nun entschlossen zu verwirklichen. Bereits am nächsten Sonntag nach Gesprächen mit Freunden und Verhandlungen mit Anwälten war es beschlossene Sache, daß seine Firma in New York einen transatlantischen Brückenkopf bilden werde. In der New York Times stand ein paar Tage später, zwischen Johnson- und Goldwater-Reden: "Deutscher Kunsthändler plant hiesigen Stützpunkt."

Inzwischen ist Hanstein von seiner amerikanischen Filiale "Lempertz of Cologne Inc." wieder in sein kölnisches Stammhaus zurückgekehrt. Die 480. Auktion wartet auf ihn, das 120jährige Firmenjubiläum will vorbereitet sein, und dem Seniorchef, seinem Vater Josef Hanstein, möchte er zum 80. Geburtstag eine würdige Feier bereiten. Das aktuelle amerikanische Kunstabenteuer ist jedoch ein paar Fragen wert.

Zum Beispiel die: hat die Alte Welt als Umschlagplatz für Kunst abgewirtschaftet? Dazu Hanstein: "Keineswegs. Nur der Austausch von Kunst, wie er sich bisher zwischen Europa und Amerika eingespielt hat, gerät in neue Bahnen. Um es mit einem Bilde zu sagen: der Einbahnverkehr geht zu Ende. Es fließt nicht nur Kunst von Europa nach Amerika, sondern umgekehrt auch Kunstgut von Amerika nach Europa."

Und: läßt diese Gegenströmung erkennen, daß sich das Gefälle im internationalen Kunsthandel ändert? Wurde Europa zu sehr ausverkauft, hat Amerika zuviel aufgekauft?

"Seit die Amerikaner auch in Fragen der Kunst ihr Selbstbewußtsein endeckt haben, ist Amerika tatsächlich zu einem gigantischen Schatzhaus für Kunstgut von unbestrittener Qualität geworden. Meine Bekanntschaft mit amerikanischen Kunstfreunden und meine Kenntnis des amerikanischen Kunstbesitzes zwingen mich zu Bewunderung und Dankbarkeit – zu Bewunderung für den Mut und den Geschmack, mit dem man drüben Kunst kauft, sammelt, darbietet und genießt; zu Dankbarkeit für die Bewahrung dessen, was von den Spießern unserer braunen Periode als entartet verfemt wurde oder im Zweiten Weltkrieg durch Vernichtung bedroht war."