Von Uwe Nettelbeck

Vier alte deutsche Stummfilme hat die Firma Atlas in ihre Verleihstaffel aufgenommen. Mit dem Angebot des Tages konkurrieren: Robert Wienes "Das Cabinett des Dr. Caligari", Friedrich Wilhelm Murnaus "Der letzte Mann" und die beiden Teile von Fritz Langs erstem Mabuse-Film – "Dr. Mabuse der Spieler" und "Dr. Mabuse – Inferno des Verbrechens". Erwin Leiser wurde mit der Edition beauftragt, ein Mann also, der sich in den Filmarchiven auskennt und selber schon drei Filme gemacht hat, zeitgeschichtliche und polemische Montagen unterschiedlichen Ranges: "Mein Kampf", "Eichmann und das Dritte Reich" und "Wähle das Leben". Das Gefälle war beträchtlich und hielt die zeitliche Reihenfolge ein.

Vier deutsche Stummfilme, das soll nur ein Auftakt sein; im Rahmen der Reihe, so ist es geplant, werden später noch frühe deutsche Tonfilme und Filme der nationalsozialistischen Zeit erscheinen.

Nach der neuen Ufa-Wochenschau die alten Ufa-Filme, das war eine vortreffliche Idee, es ist nur zu fürchten, daß das Geschäft weit weniger vortrefflich ausfallen wird.

Das haben sich anscheinend auch die Atlas-Leute gesagt, anders kann ich mir den Kompromiß, die alten Filme, vor allem den "Letzten Mann", mit einer neuen Musik zu verschandeln, nicht erklären. Ich rechne damit, daß die Spekulation nicht aufgeht. Die neue Musik hat Geld gekostet. Wer aber die Stummfilme sehen will, sieht sie auch bereitwillig stumm, ja lieber stumm, die andern, denen es im Kino um den bloßen Jux geht, sie sehen sich Stummfilme auch nicht in Musikfassungen an. Der Schaden, der angerichtet wurde, hält sich, was die künstlerische, nicht die finanzielle Seite angeht, nur deshalb in Grenzen, weil der Mann, der die Musik zu "Mabuse" geschrieben hat, sein Fach versteht und viel vom alten Kinoklavier gerettet hat. Vor allem aber, weil die inspirierte Kolportage, um die es sich handelt, jede Kommerzialisierung verträgt. Sehr viel anders sieht es jedoch bei "Caligari" und bei Murnaus Film aus. Die Faszination der stummen Bilderzählung ist durch die betonende, ausmalende und unterstreichende, also alles andere als naive, dabei aber nur viertklassige Orchestermusik zerstört worden.

Überhaupt die Edition. Sie läßt leider zu wünschen übrig. Drei einführende, hausgemacht Kurzfilme werden den Theaterbesitzern, die sich für das riskante Programm entscheiden, mitgeliefert, alle drei stammen sie von Leiser: "Montage 1919", "Montage 1924" und "Mabuse 64 – Interview mit Fritz Lang". Sie zu zeigen, istkeiner verpflichtet, so fallen sie auch prompt im einen oder anderen Kino unter den Tisch, und es gibt Start dessen das weit lukrativere HB-Männchen und den Stuyvesant-Film.

Das ist schlimm, genauso schlimm aber scheinen mir Leisers Montagephrasen: fast durchweg altbekanntes Material, die Feldgrauen beim Aus- und Einzug, die russische Revolution mit viel Menschengewimmel und Sockelsturz, dreimal Lenin und einmal Trotzki, Leichen und Granateinschläge. Ein Plagiat der letzten Einstellung aus Milestones "Im Westen nichts Neues" – Kreuze und Soldaten übereinanderkopiert – und Georg Grosz’ gasmaskierter Christus, als sei er von Leiser, ein paar expressionistische Bilder, Heckel-Holzschnitte. Das alles ist garniert mit der Behauptung: So war die Zeit, deswegen waren die Filme so.