In einer Hotelhalle in Bad Homburg 1924 in einem Atemzug nennen können? Sind die Kurdirektoren von ehedem, verdiente, pensionierte, ehrenwerte, bolzengerade einhergehende Obersten, Oberstleutnants, Majore (Oberleutnant Caesar Haeseler in Bad Salzschlirf war dienstgradmäßig beinahe eine Ausnahme), zu vergleichen mit den Managern, Generaldirektoren, Betriebsführern, den Dr und Dr h c von heute? Sind die harmlosen Bäder der Jahre 1914 bis 1924, mit höchstens einer Gärtnerei als Nebenbetrieb und einer kleinen Brunnenversandabteilung, untergebracht in einem Schuppen, vergleichbar diesen Unternehmen, die heute Millionen von Mark umsetzen und Hunderte von Mitarbeitern beschäftigen? Eigentlich geniert man sich, es weiterzuerzählen: Der prachtvolle und heute anachronistische 0815 Kurdirektor lebt tatsächlich noch an mehr Orten, als man vermutet, aber er ist eine ehrwürdige Museumsfigur. Es gibt auch noch das Heilbad mit all den Relikten aus jener Zeit der Reunions, mit Kinderfesten und Abschlußbällen. In manchen Bädern scheint die Bundesrepublik noch in der Kaiserzeit zu leben. Aber man kann mit der Uhr in der Hand darauf warten, daß sie sich ändern.

Nichts Unfreundliches über sie, sie waren zu ihrer Zeit genauso obenauf, wie heute jene Bäder, die nun zur Spitzenklasse zählen. Wer Millionenwerte zu verwalten hat, mit Heilbrunnen, die Millionen Flaschen im Jahr in alle Welt i erschicken, wer Millionenwerte in Kurhäusern und Kurhotels, in Kurmittelanlagen, Kasinos. MI Parks, gärtnerischen Anlagen, in landwirtschaftlichen Unternehmen, die der Selbstversorgung dienen, verwaltet, der ist eben ein anderer Typ als der einstige Kommandeur, der im Landauer, selbstkutschierend, sein Bad morgens und Nachmittags abfuhr und der Favoritin unter seinen noch übersehbaren und zählbaren weiblichen Badegästen eigenhändig einen Rosenstrauß überreichte, oder die ihm vom Konsortium ans Herz gelegte Dame abends beim Kotillonordenstanz behutsam führte. Möglichst noch in der Uniform, die er auch nach der Verabschiedung tragen durfte und gerne trug.

Sehr lange stand unerschütterlich fest, daß die deutschen Heilbäder keinen ernsthaften Wettbewerber im übrigen Europa, geschweige denn in irgendeinem anderen Erdteil hätten. Keinem deutschen Hausarzt wäre es im Traum eingefallen, den von ihm betreuten Familien die ärztliche Weisung zu geben, ein Heilbad m Frankreich, in I fallen oder gar auf dem Balkan zu besuchen. Allenfalls in Österreich, später in der Tschechoslowakei (Karlsbad, Marienbad), aber auch da waren die Anlagen "wie zu Hause" und man sprach Deutsch und zählte die Bäder stillschweigend zu Deutschland. Es gab nur hier und da, aber doch sehr vereinzelt, Patienten, die nach Gastein, nach Ragaz, nach Flims, ja sogar nach Vichy, Spa oder nach Pystian geschickt wurden.

Von" anderen Heilbädern in Europa wußten nur Eingeweihte, von solchen in Übersee nur Experten. Das hat sich nun gewaltig geändert. Einmal, weil man heute nur noch Stunden braucht, um zu einem solchen Badeort zu gelangen, wie früher Tage oder Wochen. Heute wird auch die Entschlußfreudigkeit, solche Reisen zu unternehmen, nicht mehr durch einen ärzjlichen Ratschlag beeinflußt, und es gibt kaum noch Schwierigkeiten wegen der Visa und Devisei. Die deutschen Heilbäder stöhnen nun nicht etwa unter diesem Wettbewerb mit dem Ausland, dazu ist dieser Wettbewerb noch nicht scharf genug. Aber der Deutsche Bäderverband bereitet sich darauf vor, daß es einmal, möglicherweise sehr schnell sogar, anders aussehen kann. Man studiert die Erfahrungen, die die deutschen See Heilbäder schon seit vielen Jahrzehnten gemacht haben. Die Nord- und Ostseebäder haben es schon seit Jahren ernsthaft zu spüren bekommen, daß die Deutschen mehr und mehr in den Süden zur Sonne drängen und in I uropa praktisch jedes Land, das eine Küste hat, deutsche Gäste in seine Seebäder lockt. Ob Italien oder Spanien, Griechenland oder Portugal, Jugoslawien, Rumänien oder Bulgarien, sie alle haben deutsche Gäste. Selbst Skandinavien und Finnland profitierten von dem Drang über die deutschen Grenzen.

Es nützt nichts, jene zu fragen, die sogar Heilung von Leiden in ausländischen Badeorten suchen, ob ihre Rechnung aufgehe. Ob es für sie nicht besser wäre, in ihrer Nähe in Deutsaland ohne anstrengenden Klimawechsel Kurorte mit der gleichen Indikation aufzusuchen. Man hört darauf immer wieder die gleiche Antwort: "Wir möchten gern in einem Heilbad sein, das so ist, wie wir es uns vorstellen. Bad Orb oder Bad Tölz, Bad Kohlgrub oder Bad Göggingen, um ein paar zu nennen, entsprechen nicht mehr unserer Vorstellung Sie werden als "Sozialbäder" verworfen. Der Anteil der Sozialversicherten unter den Gästen beträgt in Mineral- und Mo3rbädern 47 1 Prozent, doch ist bei dieser Statistik zu berücksichtigen, daß Privatgäste in allen Kurorten durchschnittlich nur 15 6 Tage bleiben, Sozia!versicherte 31 2 Tage.

Auf dem 60. Deutschen Bädertag war au" alle diese Fragen, Probleme und Komplexe keine einheitliche Antwort zu bekommen. Der Bäderverband ist international verflochten und muß nationale, eigensüchtige Regungen und Wünsche unterdrücken. Im freien Wettbewerb aller gegen alle, über die Kontinente hinweg, bleibt nur das, was immer in der freien Wirtschaft Gültigkeit hat: Leiste mehr als der andere, sei preiswürdiger, überzeuge besser. Doch wird eben jetzt um die Erhöhung der Kurtaxen gestritten, die längst nicht mehr die Kosten für die vielen Einrichtungen und Leistungen der Bäder wie Kurpark, Kurkonzert, Lesehalle, Wandelhalle, Theater decken. Hartmuth Merleker