Von Carl Friedrich von Weizsäcker

MLF – um diese drei Buchstaben wird sich die westliche Politik in den nächsten Wochen und Monaten vor allen Dingen drehen. Sie bezeichnen das Projekt einer multilateralen Atomflotte, das die nukleare Strategie des Westens auf einen gemeinsamen Nenner bringen soll. Professor Carl Friedrich von Weizsäcker meldet in seinem Beitrag Bedenken gegen den Plan an. Andere Ansichten werden wir in den kommenden Wochen veröffentlichen.

In der Bundesrepublik ist die öffentliche Debatte über Nutzen und Nachteil des Plans einer multilateralen Atomstreitkraft (MLF) bisher nicht voll in Gang gekommen. Experten haben geschrieben, Regierung und Opposition haben vorerst Positionen bezogen, die nicht weit auseinanderliegen; der öffentlichen Meinung ist die Frage offensichtlich bisher zu schwierig, zu technisch, zu lästig, als daß sie hätte Leidenschaft erregen können. Leidenschaft sollte wohl in der Tat vermieden werden, das Nachdenken über die Frage aber nicht. Mehr in unserer Zukunft kann von ihrer Entscheidung abhängen, als wir uns heute klarmachen. Die ersten Schritte der neuen britischen Regierung haben eine Verzögerung der Entscheidung zur Folge gehabt. Diese Verzögerung gibt uns eine Atempause, die wir zum Nachdenken nutzen sollten.

Der militärische Wert der MLF ist nicht Gegenstand der Fragen, die ich hier formulieren will. Er ist in fachmännischen Kreisen, soviel ich sehe, in Wirklichkeit noch umstritten. Ich kann aber von diesem Streit hier absehen, aus einem einfachen Grund. Es ist kaum zu bezweifeln, daß der militärische Nutzen der geplanten 25 Überwasserschiffe mit je acht Polarisraketen, deren jede eine thermonukleare Sprengladung tragen soll, nicht abnehmen würde, wenn diese Flotte nicht multilateral, sondern als eine rein amerikanische Streitmacht innerhalb der NATO errichtet werden sollte; zu vermuten ist höchstens, daß die Vereinigten Staaten in diesem Fall noch einmal prüfen würden, ob sie nicht eine militärisch effektivere Form der Einschiffung ihrer Raketen erreichen könnten. Die Frage, die uns beschäftigen muß, ist also nur, ob diese Streitmacht als multilaterale, europäisch-amerikanische errichtet werden soll. Dies ist eine politische Frage. Ich gliedere sie in drei Fragen auf:

1. Trägt die MLF zur europäischen Einigkeit bei?

2. Trägt die MLF zur Festigung des amerikanisch-europäischen Bündnisses bei?

3. Trägt die MLF zur Sicherheit der Bundesrepublik und zur Lösung der deutschen Frage bei?