General Beaufre: Totale Kriegskunst im Frieden. Mit einem Geleitwort von Hans Speidel; Propyläen Verlag, Berlin; 189 Seiten, 12,80 DM.

Im Ersten Weltkrieg schien sich die Strategie als Wissenschaft selbst ad absurdum geführt zu haben. Stellungskrieg und Materialschlachten paßten nicht mehr in ihr überkommenes Bild. Der totalen Mobilmachung in jenen Jahren folgte die faschistische Konzeption des totalen Krieges. Spätestens damals hätte sich die Strategie, die immer mehr Kunst als Wissenschaft war, selbst in dem noch so rationalistischen 18. Jahrhundert liquidieren müssen, wäre sie nicht mit bestimmten gesellschaftlichen Tendenzen tief verklammert gewesen. Das Bild des Krieges wurde weniger mit militärstrategischen Argumenten expliziert als durch Kriegslyrik und Manifeste, wie die der Futuristen, ästhetiziert. Von diesen Elaboraten, in denen der Krieg als schön besungen und die Metallisierung des menschlichen Körpers gefeiert wurde, überlebte kaum eines die Katastrophe des zweiten großen Krieges. Sie legte wohl diesen Plunder hinweg, genügte aber noch nicht, das Ende aller Strategie anzukündigen. Seit Jahren bedarf die Strategie als schon totgeglaubte wissenschaftliche Disziplin keiner besonderen Rechtfertigung mehr. Ihre Renaissance wurde mit wissenschaftlicher Akribie betrieben.

Beaufre, selbst einer der erfolgreichsten und brillantesten Offiziere Frankreichs, legt kein Werk vor, das die jüngsten methodischen Errungenschaften wie Computer-Analyse, Spieltheorie oder den Simulationsansatz, verwerten würde. Gemessen an den amerikanischen Publikationen aus diesem Gebiet handelt es sich eher um ein konventionell gestaltetes Buch. Seine Grundperspektive erinnert entfernt an die des Clausewitz, für den die objektive Gestalt des Wissens aus der guten Vertrautheit mit der Kriegsgeschichte fast automatisch in die Subjektive eines Könnens überging. Beaufres Referenzen zur Kriegsgeschichte sind bewußt gering gehalten; es liegt seiner Gesamtkonzeption der gewagte Versuch zugrunde, eine umfassende Konzeption der Strategie zu entwickeln. Doch ermöglicht dies allein eine recht formal gehaltene begriffliche Bestimmung. Ihr zufolge ist Strategie "die Kunst, die Macht bei der Durchsetzung der politischen Ziele zur Geltung zu bringen".

Die verschiedenen, in der Geschichte nur unter bestimmten Umständen gültigen Strategien werden ihres gesellschaftlichen Substrats beraubt und erscheinen in Modellen und Tabellen, ja sogar in einer Einsteins Grundformel nachahmenden Gleichung. Das bringt Vorteile mit sich wie Übersichtlichkeit und Systematisierung, doch wird der Erkenntnisgehalt dadurch wesentlich beschränkt. Unwillkürlich ergeben sich positivistische Formulierungen wie: "Der Besiegte verdient das Schicksal, das ihn ereilt, weil er seine Niederlage stets durch Denkfehler verschuldet (sic!), die er entweder vor oder während des Konflikts begangen hat" (S. 179). Man stelle den Satz auf den Kopf, um seine Unwahrheit unter den Bedingungen des totalen Krieges zu erkennen, noch mehr aber, um seine, die Rationalität der gegenwärtigen Strategie überwindende Wahrheit zu begreifen, die sich aber nur in einer neuen Ratio zwischenstaatlichen Verhaltens kundtun kann.

Der eigentliche Schwerpunkt der Arbeit liegt sicher in der Diskussion der vor langem von Liddell Hart explizierten Theorie der indirekten Strategie. Beaufré greift die übrigens auch von Mao formulierten Thesen des Kleinkrieges, der Ermüdungstaktik, der Salamitaktik auf und hält diese Manöver kurz vor dem großen und unter allen Umständen zu vermeidenden atomaren Schlagaustausch für die wahrscheinlichsten Kriege der Zukunft. Sein vorzügliches Plädoyer für eine indirekte Strategie kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß seine Theorie die tatsächlich unter der atomaren Pattsituation eingetretene Regression zu voratomaren Kriegstypen kritiklos in der Doktrin wiederholt, während das Patt, letzter und vorläufiger Höhepunkt der Entwicklung der Strategie, die Kontrahenten um der bloßen Existenz willen auf rationale Mittel und Wege der Kommunikation verweist. Konsequent praktiziert und zu Ende gedacht, bedeuten sie das Ende aller Strategie, haben aber heute schon wenig mit dem öffentlichen Bild des fortdauernden Antagonismus zu tun.

Die psychologische Kapitulation des Gegners ist ein durch die Entwicklung der gesamtstrategischen Situation immanent überwundenes Mittel der Befriedung in der Staatengesellschaft, gleichgültig, ob die Zahl der begrenzten Kriege verschiedenen Typs zu- oder abnimmt.

Ein durch ein Vorwort von Hans Speidel und ein Nachwort von Liddell Hart eingerahmtes Buch empfiehlt sich selbst zur aufmerksamen Lektüre, zumal da der Autor inzwischen der Leiter des Instituts für strategische Forschung in Paris geworden ist. Dieter Senghaas